Kein anderer Philologe des 20. Jahrhunderts hat der Nachwelt solch umfangreiche autobiografische Aufzeichnungen über seinen Lebens- und Berufsweg hinterlassen wie der Romanist Victor Klemperer (1881-1960). Postum erschien 1989 seine zweibändige, auf den Zeitraum von 1881-1918 zurückblickende Autobiographie Curriculum Vitae. In den 90er Jahren wurden seine Tagebücher aus dem 'Dritten Reich' (Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten , 1995), der Weimarer Republik (Leben sammeln, nicht fragen wozu und warum, 1996) und der Nachkriegszeit in der DDR (So sitze ich denn zwischen allen Stühlen, 1999) herausgegeben. Eine Auswahl der Briefe Klemperers ist in Vorbereitung. Insbesondere Klemperers 1999 auch als Vorlage für eine Fernsehserie dienenden Aufzeichnungen aus der Zeit des Nationalsozialismus rückten den deutsch-jüdischen Romanisten und „Chronisten der Vorhölle" (so Walter Nowojski, der Herausgeber der Klemperer-Tagebücher) ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit. Klemperers Tagebücher aus der NS-Zeit wurden zu einem kommerziellen Erfolg auf dem Buchmarkt, in mehrere Sprachen übersetzt und sind mittlerweile sogar Schullektüre. Auch in der Literatur- und Sprachwissenschaft setzte nach dem Erscheinen der Tagebücher wieder die Beschäftigung mit dem umfangreichen wissenschaftlichen Werk Klemperers ein, das neben zahllosen Arbeiten zur Literatur der Romania, insbesondere zur französischen Literatur, auch Untersuchungen zur deutschen und vergleichenden Literaturgeschichte sowie sprachwissenschaftliche und kulturphilosophische Studien umfasst.
Die Tagebücher Klemperers aus der DDR und der Weimarer Republik fanden bislang bei weitem nicht das Interesse wie seine Aufzeichnungen aus der NS-Zeit. Dabei bieten gerade seine Tagebücher vor 33/nach 45 - um den Titel einer Aufsatzsammlung Klemperers aufzugreifen - nicht nur als zeitgeschichtliche Quelle einen ähnlich ergiebigen Erkenntniswert. Vor allem in disziplin- und gelehrtengeschichtlicher Hinsicht bieten sie sogar ein noch größeres Potenzial, wie beispielhaft die Untersuchung zeigt. Claudia Buhles verfolgt in ihrer Studie über Klemperers Alltag und sein professorales Selbstverständnis in der Weimarer Republik das Ziel, "das gelehrtengeschichtliche Potential von Klemperers Tagebuchhinterlassenschaft auszuloten" (S. 8).Der Untersuchungszeitraum reicht von 1920, als Klemperer eine Professur für Romanistik an der Technischen Hochschule Dresden antrat, bis zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933, die seinen Alltag grundlegend änderte und 1935 seine Amtsenthebung aus „rassischen Gründen" zur Folge hatte. Vorwiegend auf der Grundlage der Tagebuchaufzeichnungen Klemperers, die sie vor allem als Materialsammlung und Gedächtnisstütze für eine spätere (allerdings nie geschriebene) Autobiografie Klemperers nach dem Muster seines "Curriculum Vitae" charakterisiert, rekonstruiert die Verfasserin im Hauptteil ihres Buches vier große Bereiche, die den Alltag Klemperers repräsentieren: seine häusliche Umgebung, seine Arbeitswelt, seine sozialen Kontakte und seine Freizeitgestaltung. Im Hinblick auf Klemperers ambivalentes Selbstverständnis als "Deutscher und Jude" konstatiert Buhles, dass trotz Klemperers zweimaliger Konversion zum Protestantismus seine Herkunft aus dem Judentum für ihn eine wichtige Größe geblieben sei. Maßgeblich habe dies daran gelegen, "dass er von seiner Umwelt weiterhin als Jude wahrgenommen wurde" (S. 280). Besonders in seinem Berufsumfeld habe sich Klemperer häufig mit antisemitischen Vorurteilen konfrontiert gesehen; er selbst betrachtete sich "konsequent als Teil eines deutschjüdischen, liberal orientierten Bildungsbürgertums" (S. 280). Das "Deutschtum", dem Klemperer sich verpflichtet fühlte, habe sich nicht aus einer „völkischen Zugehörigkeit", sondern einer Idee, einer geistigen Haltung ergeben. Sehr genau unterschied er zwischen Patriotismus und Nationalismus. Der erste Begriff war für ihn positiv besetzt, der zweite negativ. Klemperers Bildungsideal und damit verbunden sein professorales Selbstverständnis seie aufklärerischen Ideen und dem humboldtschen Universitätsideal mit der Einheit von Forschung und Lehre verpflichtet gewesen. Treffend bemerkt Buhles, dass der Vossler-Schüler und "idealistische Neuphilologe" Klemperer. als einer der Wortführer der Kulturkunde-Bewegung, an die Existenz völkerpsychologischer Unterschiede zwischen den Nationen geglaubt hat. Claudia Buhles versteht ihre Untersuchung als Vorstufe zu einer umfassenden Biografie Klemperers. Hätte sie auch seine wissenschaftlichen Publikationen berücksichtigt und die ihr offenbar nicht bekannten einschlägigen ideologiekritischen und wissenschaftsgeschichtlichen Studien zur Geschichte der wäre ihr nicht entgangen, dass Klemperer noch in der Weimarer Republik deutlich auf Distanz zu allen biologistisch-völkerpsychologisch argumentierenden „Kultur- und Wesenskundlern" ging und ihren Ansatz als „wild gewordene Zoologie" verspottete.
Horst Schmidt
Franzstraße 9, D-52249 Eschweiler