Der Auftrag, den mir der Conte Verlag erteilt hatte, lautete: trage alle Informationen zusammen, die du über
Jean Amila und seine Romane finden kannst und verarbeite sie zu einer Website.
Jean Amila? Diesen Namen hatte ich noch nie gehört. Französische Literatur gehört zwar zu den Inhalten
meines Studiums, aber Kriminalliteratur ist nach wie vor nicht bis zum Kanon vorgedrungen. Ich begann
also einen Klassiker der französischen Kriminalliteratur zu entdecken, dem als Romanautor der Erfolg
versagt blieb (trotz oder gerade wegen interessanter Themenwahl und Lob der Kritik), dessen Krimis
zeitgenössischen französischen Autoren des Genres aber heute nach wie vor als Referenz dienen.
Jean Amila musste mich erst überzeugen. Am Anfang war mir sein Stil zu umgangssprachlich, seine
Charaktere oft zu stereotyp. Langsam lernte ich die Ironie und den beißenden Sarkasmus schätzen, die den
Leser oder die Leserin von unkritischer Identifikation mit den Figuren abhalten.
Einfühlsamen Charakterisierungen lässt Amila gerne einen knappen Kommentar folgen, mit dem er seine
Protagonisten schonungslos vom gerade errichteten goldenen Sockel stößt. Sicher, Amila, der sich selbst als
Anarchist bezeichnet, neigt hier und da zu Vereinfachungen; seine Nebenfiguren sind fast ausnahmslos
dumme Tölpel oder verbohrte Kreaturen, eher amüsant, denn vielschichtig. In einem Interview ließ sich
Amila zu der Äußerung hinreißen der Nationalstaat, die Kirche und der Militarismus seien die
Krebsgeschwüre unserer Gesellschaft. Auch in seinen Büchern kommt diese Haltung zum Ausdruck. Er
macht aber dennoch immer einen genauen Unterschied zwischen der Kritik an der Institution und der
Person, die diese Institution vertritt. In seinen Geschichten gibt es verständnisvolle Pastoren, Polizisten, die
mit gesundem Menschenverstand handeln oder Soldaten, die zwar fasziniert von militärischer Organisation
sind, aber nicht auf den Kopf gefallen. Amilas Protagonisten haben Brüche und Schwächen. Sie schillern,
sie irren sich, sie sind voller Ideale, sie sind ungerecht, sie stolpern, stehen wieder auf und sie bewegen sich
in ihrem Milieu der kleinen Leute, in dem Umgangssprache und ein bisweilen rotziger oder ungelenker
Sprechstil ihren Platz haben.
Die
Biographie des Autors selbst böte genug Stoff für einen Roman. Auch er, der erklärte Anarchist voller
Kritik und Ideale, musste sich sozialen Realitäten anpassen: um für die
Série Noire schreiben zu können,
beugte er sich der Mode und nahm ein amerikanisiertes Pseudonym an.
Die Krimis des Autodidakten Amila, der sich selbst als ungebildet bezeichnet, aus dessen Werk aber ein
feiner Sinn für Atmosphäre, Stimmungen und Humor spricht, sind ungewöhnlich wie ihr Autor: Sie sind
keine Kriminalromane um des Krimiplots wegen. Sie sind auf vielen Ebenen lesbar, nicht zuletzt auf der, der
spannenden und amüsanten Unterhaltungsliteratur.