Schreiben zwischen sozialer Realität und Utopie
Jean Amila
Der Überfall
1973 wir Amila aus ungeklärten Umständen angegriffen und brutal zusammengeschlagen.
Die Folgen des Angriffs beschreibt Amila so:
»Ich schlief 15 Stunden täglich. Den Rest der Zeit dämmerte ich unter Einfluss der
Beruhigungsmittel vor mich hin. Das hat Monate gedauert und ein Ende war nicht in Sicht,
sodass ich nur eine Lösung sah: mich abzuknallen. Meine Schwester hat mir da
herausgeholfen. Jahrelang hat sie mich angerufen und mich gezwungen, ihr haarklein meinen
Tagesablauf zu schildern. Dank der Gespräche mit ihr, dank dieser Anstrengungen, habe ich
mir eine neue Persönlichkeit geformt. Ich verdanke ihr ein neues Leben.«
in: Jean Meckert: l’inconnu du noir-express, La Quinzaine Littéraire N°859.
Über seine Schwester sagt er 1988:
»eine energiegeladene Frau, die genauso groß war wie ich und 130 Kg wog, sie war keine
typische dicke Frau, eher aufbrausend …«
in:  Le dernier des anarchistes … Jean Amila, Calibre 38, N°2&3, avril 1988, p.5
In einem anderen Interview 1985 beschreibt er, wie er mit den Folgen des Überfalls umging:
»Ich war acht Jahre lang unfähig zu schreiben. [...] Ich musste alles neu erlernen, bis hin
zur Bedeutung der Wörter. [...] Das Wichtige ist doch, wie man wieder auf die Beine
kommt.
1973-1981, solange habe ich gebraucht, um mir wieder eine Persönlichkeit zu schaffen.
Ich bin immer noch genau so kritisch und anklagend. Der Kern meines Charakters hat sich
also nicht geändert. Ich habe mir meinen kritischen Geist bewart, ich sehe genau, wenn
das, was ich mache, nichts taugt.«
in: »Amila l'anar de la Série noire« , entretien avec Jean-Paul Morel, Le Matin de Paris week-end des 26 & 27 octobre 1985, pp. 24/25.
Solche Charakterzüge gibt er auch seinen Protagonisten mit, die sich selbst schwer
verletzt noch einmal aufrappeln, um ihren Auftrag zu Ende zu bringen oder ihre Idee zu
verwirklichen. Das heißt nicht, dass die Charaktere starr sind. Oft genug machen sie einen
schwierigen Entwicklungsprozess durch und müssen erkennen, dass ihre früheren Ideale
an der Realität gescheitert sind.
Die Bewegung zwischen Ideal und Realität und der Kampf für die Verwirklichung von
Idealen in der Realität gehörten wohl zu Amilas Lebensthemen.
Dieser Kampfgeist ist typisch für den Autor. Er lässt sich nicht einschüchtern und kämpft
weiter, auch nach herben Rückschlägen. Selbstironisch bekennt er: »Ich habe das Pech, dass
ich nicht versuche zu gefallen, aber ich treffe leider immer auf die gleichen Hindernisse.«