Dédé ist Schleusenarbeiter. Der intelligente junge Mann hat eine Tochter aus gutem Hause
geheiratet, trotzdem lässt er die Plackerei am Fluss über sich ergehen. Er mag die Menschen dort,
den Zusammenhalt unter den Schleusern.
Als in einer nebelgrauen Nacht der Kapitän der Hématite tot in der Schleuse treibt, gerät die
Ordnung in diesem kleinen Mikrokosmos ins Wanken. Streit und Schlägereien stehen unter den
Männern auf der Tagesordnung, aber ein Mord? Die Polizei verdächtigt den Schleusenchef Coutre.
Doch als Dédé seinem Vorgesetzten helfen will und sich in die Geschichte einmischt, wird er selbst
brutal zusammengeschlagen.
Motus – psst, Schweigen und mysteriöse Rätsel sind Leitthemen dieses Krimis. Die Geschichte ist
aus Sicht Dédés erzählt, der seit dem Überfall krank ist. Wie im Fiebertraum sieht er manchmal für
einen Moment klar, begreift, doch bevor er die Zusammenhänge erfassen kann, verschwindet alles
wieder in einem undeutlichen Nebel.
Seine Ehe mit Jacqueline ist nur noch eine Farce. Dédé scheint, sie habe ihn nur geheiratet, weil er
als Held aus dem Krieg zurückkam. Jetzt, da er die glanzvollen Orden und die Uniform abgelegt
hat, liebt sie den einfachen Arbeiter nicht mehr. Ihre Gespräche sind knapp und allzu oft herrscht
eisiges Schweigen. Zwischenmenschliche Wärme und das Gefühl willkommen zu sein, findet Dédé
im Kreis seiner Kollegen, die ihn achten und schätzen.
Ganz im Sinne Marc Duhamels, dem Gründer der
Série Noire, bricht dieser Krimi mit den
traditionellen Regeln des Genres. Am Ende geht es gar nicht so sehr um den Mord auf der Hématite,
denn vielleicht ist anderes wichtiger.
Über den Stil der Bücher Amilas schreibt Claude Mesplède: »Der Reichtum dieser Saga des
Antihelden hört niemals bei der Beschreibung einer einzigen Figur auf, es geht immer auch um ein
ausgewähltes soziales Milieu, in dem die Nebenfiguren sich mit der überzeugenden Kraft
entwickeln, die den Nebenrollen des amerikanischen Kinos eigen ist.« (aus: Jean Amila,
Biographie. In: Encrage N°1, Januar 1985.)
In »Motus!« geht es vor allem um das Milieu der einfachen Schleuser, in dem Gemeinschaft,
Loyalität und eine etwas grobe Herzlichkeit herrschen. Die Schilderungen wirken umso
farbenfroher, da sie von Jacquelines kühler Reserviertheit kontrastiert werden. Dédé fühlt sich zu
Jacqueline hingezogen, aber selbst nach mehreren Ehejahren bleibt sie ihm fremd. Die Distanz
zwischen den beiden geht so weit, dass sie ihn je nach Gesprächsthema siezt. Dédé ist hin und her
gerissen zwischen dem Wunsch von seiner Familie akzeptiert zu werden und einen Platz in deren
Welt zu finden und der Sehnsucht in eine andere, einfache Welt zu entfliehen. Er revoltiert gegen
den oberflächlichen Ehrbegriff seiner angeheirateten Verwandtschaft, die ihn akzeptierte, solange er
dekorierter Soldat war, ihn als Schleusenarbeiter aber ablehnt.