Schreiben zwischen sozialer Realität und Utopie
Jean Amila
Krimi: »Mond über Omaha«
CONTE Verlag, 2005
Zwanzig Jahre nach der Landung der Alliierten in der Normandie bleibt von der Schlacht nur
ein großer amerikanischer Militärfriedhof, auf dem in ordentlichen Reihen tausende von
weißen Holzkreuzen auf grünem Rasen stehen. Sergeant Reilly, der den Kampf überlebte, hat
es sich zur Aufgabe gemacht, den Friedhof zu pflegen und täglich die amerikanische Flagge zu
hissen, um seinen gefallenen Kameraden die Ehre zu erweisen.
 Der Tod eines normannischen Bauern, Amédée Delouis, der den Friedhof mit Mist zur
Dünnung belieferte, bringt lange vergessene Ereignisse zum Vorschein und stört die scheinbare
Ruhe des Omaha Beach.
Der todgeglaubte Soldat und Kamerad von Sergeant Reilly, George Hutchings, taucht plötzlich
wieder auf. Er war desertiert und hatte sich mit Hilfe seiner Frau Janine unter dem Namen
George Delouis eine neue Identität aufbauen können. Allerdings musste er für seinen Namen
jahrelang Geld an den Bauern Amédée Delouis zahlen, das er nun, zusammen mit Janine,
zurückfordert.
Doch es kommt anders als geplant: Mit seiner Vergangenheit konfrontiert, möchte George
Delouis sich plötzlich nicht mehr verleugnen müssen, sondern wieder George Hutchings sein.
Er träumt von einem unbeschwerten Neubeginn. Seine Frau Janine behindert diesen Plan
zusehens, denn sie war es, die ihn zu ihrem treusorgenden Ehemann und braven französischen
Bürger gemacht hatte, und sie tut alles, damit er sich ihrem Kontrollgriff nicht entzieht.
Der Wunsch nach einem geordneten Familienalltag und die Sehnsucht nach Neubeginn und
einem kleinen bisschen Verrücktheit prallen aufeinander.
Der Mond von Omaha geht auf und es wird klar: Der Wahnsinn versteckt sich hinter der
Fassade des Gewöhnlichen. Unerwartet blitzt er auf, zerstört und verschwindet wieder, sodass
alles in bester Ordnung scheint und ordentlicher, grüner Rasen auf Massengräbern wachsen
kann.
Über
seine Schriftstellertätigkeit hat Jean Amila gesagt: »Schreiben
bedeutet, dem Menschen im Universum einen Platz
einzufordern. Es bedeutet, die Geschichte wieder
aufleben zu lassen, um sie zu erhellen und ihr einen
Sinn zu verleihen. Ich bin ein Funke.«
(aus: Revolution N°245).
In »Mond über Omaha« thematisiert Amila 1964 das
Schicksal der amerikanischen Soldaten, die während der Landung
in der Normandie zu tausenden in den sicheren Tod geschickt wurden. Er kritisiert das
kleinmütige Verständnis einer Gesellschaft, für die nur ein toter Soldat ein Held ist, einer der
aber den Mut gehabt hat sein Leben zu retten, indem er dissertierte, gilt als unwürdiger
Feigling.
Die Ehe von George und Janine scheint auf den ersten Blick harmonisch zu sein. Doch die
Fassade bröckelt, als George eingespielte Wege verlassen will. Ein tiefes Unverständnis tritt zu
Tage, das sich scheinbar durch nichts überwinden lässt.
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