Schreiben zwischen sozialer Realität und Utopie
Jean Amila
Krimi: »Mitleid mit den Ratten«
CONTE Verlag, 2006.
Julien und Yvonne Lenfant haben einen ungewöhnlichen Beruf. Zusammen mit ihrer 17-jährigen Tochter
Solange kundschaften sie Häuser aus und brechen dort ein. Ihr Ziel ist allerdings nicht, reich zu werden.
Die Kleinkriminellen haben eine wahrhaft diebische Freude an ihrer Tätigkeit. Sie sind stolz darauf, sich
von der Allgemeinheit zu unterscheiden und haben sich eine Art Ehrenkodex geschaffen: Sie beklauen ihre
Opfer, wollen sie aber auf gar keinen Fall demütigen oder ihnen die Würde nehmen. Vielmehr genießen sie
es, die Häuser kennenzulernen und sich einen Augenblick lang als deren Besitzer zu fühlen.
Der Name Lenfant ist programmatisch, denn wie Kinder nutzen die Lenfants die Häuser, in die sie mit
Hilfe von handwerklichem Geschick einbrechen, als große Abenteuerspielplätze und sie verneinen
beharrlich Unrecht zu tun.
Eines Nachts wird Julien Lenfant jedoch von einem Polizisten angeschossen und schwer verletzt. Ein
unvermittelt auftauchender Unbekannter, der sich Michel nennt, erschießt den Polizisten und rettet Julien
somit das Leben. Juliens Bruder, der Arzt André, pflegt ihn gesund und versucht ihm vergeblich ins
Gewissen zu reden.
Der charmante Michel quartiert sich währenddessen bei der Familie ein. Er ist Mitglied einer Bande von
Killern, die politisch motivierte Verbrechen verübt.
So stoßen zwei Welten aufeinander: Die der Kleinkriminellen Lenfants, deren Ehrenkodex wie eine Utopie
daher kommt und die von Michel, der Mitglied des organisierten Verbrechens ist und ohne mit der Wimper
zu zucken Menschen erschießt, wenn die Bezahlung stimmt.
Sauberes Handwerk steht automatisierten Waffen gegenüber, Menschenwürde prallt mit profitorientiertem
Verbrechen zusammen.
Doch so prinzipientreu die Lenfants auch scheinen mögen, sie lassen sich trotzdem wie Kinder verführen,
vom Charme des bernsteinäugigen Michel einwickeln, wie Ratten fangen, bis am Ende Ehre in Mitleid
umschlägt und Würde in Demütigung.
Amila erzählt in seinem Krimi »Mitleid mit den Ratten« die Geschichte der sympathischen Lenfants wie
eine Parabel und kritisiert den fragwürdigen Ehrbegriff einer Gesellschaft, die Individuen schätzt, die sich
Befehlen unterwerfen und die Unabhängigkeit verachtet.
Aus dem Roman sprechen eine zutiefst antimilitaristische und pazifistische Einstellung.
Die etwas unreflektierte, naive Haltung der Lenfants wird durch die Figur des Arztes André immer wieder
hinterfragt, sodass man als nachdenklicher Leser zurückbleibt.
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