Schreiben zwischen sozialer Realität und Utopie
Jean Amila
Leseproben:
»Die Abreibung«
Sylvie klopfte drei Mal kurz und bestimmt an.
»Herein!«, rief Carré.
Sie trat ein. Carré hatte über seinen Arztkittel einen gemus-terten Hausrock gestreift. Er saß an seinem Schreibtisch und schien in einem dicken Buch zu lesen. Sogar eine Brille hatte er aufgesetzt.
»Sie haben mich rufen lassen?«, fragte Sylvie.
»Ich war so frei. Setzen Sie sich!«
»Ich habe leider nur sehr wenig Zeit für Smalltalk«, sagte sie.
Er schnalzte leicht genervt mit der Zunge und nahm seine Brille ab.
»Entspannen Sie sich – guten Abend erstmal! Ich habe Ihnen gesagt, Sie sollen sich setzen, nicht sich hinlegen!«
»Darauf verkneif ich mir eine Bemerkung.«
»Oder auch drunter, ganz wie Sie wollen! Aber setzen Sie sich doch endlich. Das ist ja unmöglich!«
Sicher, er blieb in den Grenzen der konventionellen Höflichkeit, doch Sylvie glaubte, einen Ton von Kumpelhaftigkeit aus seinen Worten herauszuhören, der bei ihren bisherigen Gesprächen ganz und gar nicht vorhanden gewesen war. Doch am meisten störte sie, dass es außer der Liege keine freie Sitzgelegenheit gab. Trotzdem setzte sie sich darauf.
»Gut«, sagte er. »Sie müssen zugeben, dass das immer noch besser ist, als Sie die ganze Zeit strammstehen zu lassen. So, dann legen Sie einmal los mit Ihrem Bericht!«
»Mit was für einem Bericht?«
»Ich gehe davon aus, dass Sie Ihre erste Runde hinter sich gebracht haben, mein liebes Kind! Sie sind mein Auge und mein Ohr. Mit anderen Worten: Ist alles in Ordnung?«
»Ja!«
»Würde Ihnen ein Zacken aus der Krone brechen, wenn Sie mit ›Ja, Herr Doktor‹ antworten würden?«
»Sie sind aber kompliziert«, sagte sie. »Sie haben sicher schon so manches arme Mädchen verschreckt mit Ihren Wechselbädern!«
»Anscheinend habe ich Sie noch nicht genug verschreckt! Haben Sie der Typhuskranken einen neuen Eiswickel angelegt?«
»Der 23? Hab ich. Obwohl die 24 damit nicht zufrieden war. Sie hat eine Melone im Eisschrank liegen und findet, dass ihre Nachbarin viel zu viel Eis verbraucht. Ich musste ihr versichern, dass ihre Melone immer ausreichend gekühlt ist!«
»Ich pfeif auf eure Melone«, sagte Carré. »Hören Sie mir einmal gut zu, meine kleine Schwesternschülerin. Die 23 ist ein ernster Fall. Ich werde von Zeit zu Zeit meine Runde machen, doch das Leben dieser Kranken liegt praktisch in Ihren Händen. Sie muss sehr genau beobachtet werden. Können Sie mir folgen?«
»Ich tu, was ich kann!«
»Hat man Ihnen beigebracht, den Puls zu fühlen?«
»Ich seh schon, worauf du hinauswillst«, dachte Sylvie. »Jetzt wirst du mir dann gleich noch mal mit deiner ›Handarbeit‹ kommen, du alter Bock …«
»Und ob!«, antwortete sie selbstsicher.
»Können Sie einen verlangsamten Puls erkennen?«
»Aber selbstverständlich.«
»Einen rasenden Puls?«
»Nichts leichter als das!«
»Und eine wächserne Gesichtsfarbe? Wissen Sie, was das ist?«
»Das ist eine sehr matte Gesichtsfarbe!«
Carré zuckte leicht ironisch mit den Schultern.
»Also diese jungen Dinger! Ich habe Jahre gebraucht, bis ich das alles gelernt habe. Und auch heute noch bin ich mir nicht immer sicher.«
Er stand auf.
»Für alle Fälle sage ich Ihnen jetzt, dass eine wächserne Gesichtsfarbe und ein verlangsamter Puls, der in einen rasenden Puls übergeht, Anzeichen für einen Darmdurchbruch sind; in dem Fall muss – wie Sie ja sicherlich wissen – unverzüglich eingegriffen werden! Nichts weniger als das, nicht wahr?«
»Äh …!«
»Es wäre also schön, wenn Sie schnellstmöglich einmal nach unserem Patienten schauen würden. Danke! Das wäre dann alles!«
Damit war das Gespräch beendet. Sylvie hatte genau begriffen.
»Gemeiner Kerl!«, dachte sie. »Du willst ja bloß deine Macht ausspielen, du widerlicher Rotschopf!«
Aber dann machte sie sich auf den Weg in den Bettensaal der Frauen hinunter, um nachzusehen, ob Patientin Nummer 23 nicht vielleicht zufällig einen verlangsamten Puls oder eine wächserne Gesichtsfarbe hatte. Doch was war eigentlich noch einmal ein verlangsamter Puls? Und ab wann hatte jemand eigentlich eine wächserne Gesichtsfarbe?
Sie tat ein paar Schritte, machte eine unbekümmerte Geste, spürte dann aber, wie ihr der kalte Schweiß ausbrach: Was, wenn …?
Einen Augenblick lang war sie drauf und dran kehrtzumachen, noch einmal an die Tür zu klopfen und diesem »widerlichen Kerl« ihr Nichtwissen einzugestehen.
Aber nein! Alles, nur nicht diese Niederlage!
Sie betrat den Saal, der in den bläulichen Schimmer der auf Nachtlicht gestellten Lampen getaucht war. Da lag die Kranke, halb bewusstlos, mit hohem Fieber.
Und der Puls? Nun, der war deutlich zu fühlen. Verlangsamt oder nicht? Tja, das war eben die Frage! Und was die Gesichtsfarbe betraf: War die wächsern oder nicht? War also die 23 auf dem Wege der Genesung oder gerade dabei, den Löffel abzugeben?
Die 24 daneben schaute sehr interessiert herüber. Es war eine Frau mit glatt anliegendem Haar und dünnen Lippen.
»Geht’s ihr besser?«
Ihre Stimme klang gedämpft, neugierig, ohne jedes Mitgefühl. Sylvie gab keine Antwort.
»Meine Melone haben Sie ja ins Eisfach gelegt, oder?«
»Hab ich.«
»Und Eis ist noch da? Was die da verbraucht! Werden Sie der noch viele Wickel machen?«
»Kann gut sein!«
»Na ja«, fing Nummer 24 wieder an. »Die wird nicht mehr lange frisch sein, meine Melone, wenn Sie ständig das Eisfach auf- und zumachen!«
Während der Ausbildung war den angehenden Krankenschwestern beigebracht worden, dass sie sich Respekt verschaffen mussten, dass das eine Grundvoraussetzung ihrer Arbeit war: den Patienten gegenüber Autorität ausstrahlen! Egal, ob man sich dadurch bei den Kranken unbeliebt macht. Der Kranke ist ein eingeschränktes, zutiefst egoistisches Wesen; man tut ihm damit keinen Gefallen, wenn man sich auf seine Spielchen einlässt.
Sylvie wandte sich zur 24, nickte ihr höflich zu und sagte: »Ach wissen Sie, Sie können mich mal.« Dann ging sie hinaus.
S. 65-68
1. Nachdem die Schwesternschülerin Sylvie Doktor Carrés Annährungsversuche
abgewehrt hat, versucht er sie zu verunsichern:
2. Auf René le Comte, dem König der Unterwelt, ist geschossen worden. Seine Geliebte Maine
glaubt nicht, dass er tot ist, während sein Assistent Roger überzeugt ist, seine Nachfolge
übernehmen zu können.
Der gelbe Studebaker bog um die Ecke der Rue Bassano und hielt vor dem dritten Gebäude auf der linken Seite.
Es handelte sich um ein stattliches Bürgerhaus. Hier wohnte nur die feine Gesellschaft: Im Aufzug war ein Klappsitz angebracht und im Treppenhaus lag ein Teppich.
Die Türen waren in heller Birke gehalten, die Klingelknöpfe waren in verchromten Löwenköpfen eingelassen. Der Schein ging über alles.
Maine kam schon nach dem ersten Klingeln und öffnete.
»Da bin ich!«, begrüßte sie Roger.
Er trat ein, hängte seinen Hut in der Diele auf.
»Ach«, sagte Maine, »wollten wir nicht zum Abendessen ausgehen?«
»Mach dir einen Imbiss, wenn dir danach ist«, sagte Roger. »Das Abendessen fällt heute aus.«
Maine hielt überrascht inne. Eine plötzliche Unruhe ergriff sie, ihr sorgfältig hergerichtetes Gesicht fiel regelrecht zusammen: Die Mundwinkel hingen auf einmal schlaff herab, die Tränensäcke traten hervor, der Blick verlor seine Wärme, wurde stechend wie der einer alternden Frau.
›Soll ich sie erst mal flachlegen?‹, fragte sich Roger. ›Soll ich vor ihr den großen Macker markieren oder ihr lieber gleich davon kommen, dass wir im selben Boot sitzen?‹
»Was ist passiert?«, fragte Maine. »Etwas Schlimmes?«
Sie konnte ihr Gesicht tatsächlich willkürlich älter wirken lassen, um die Wahrheit aus ihm herauszubekommen. Eine Frau, die alles unter Kontrolle hatte. Vielleicht sollte er da doch lieber gleich mit offenen Karten spielen?
»René le Comte ist nicht mehr!«, verkündete er ihr. »Du bist jetzt Witwe, Maine!«
»Oh, was das angeht«, erwiderte sie in einem frostigen Ton, »es vergeht kein Jahr, in dem ich diese Nachricht nicht mindestens ein halbes Dutzend Mal höre!«
»Diesmal ist’s aber o.k. – äh, stimmt’s aber.«
»Die Bullen?«
»Nein, irgendwelche Vorstadttrottel – er war sich zu sicher, hat nicht genug aufgepasst.«
»Hast du ihn gesehen?«
»Hab ich!«
Maine schüttelte ungläubig den Kopf; Roger war gekränkt.
»Mein Ehrenwort! Er liegt blutüberströmt am Boden, hat mindestens zwei Kugeln im Bauch. Und wenn du’s ganz genau wissen willst: Die Ratten haben ihn schon angenagt!«
Maine warf ihm einen sonderbaren Blick zu.
»Hast du ihn mitgenommen?«
»Nein! Ich werde ihn jetzt gleich zusammen mit Riton Godot holen.«
»Was hat Riton mit der Sache zu tun?«
»Das ist Punkt zwei des Programms. Das werde ich dir erklären, wenn du das Ganze erst einmal verdaut hast.«
Maine schien weder ausgelassen vor Freude, noch am Boden zerstört; sie nahm die Neuigkeit offenbar unberührt, völlig sachlich entgegen. Sie hatte wieder ihr frisches Gesicht aufgesetzt; mit leicht wiegenden Hüften ging sie in den Salon hinüber.
»Mein lieber Roger«, sagte sie, »bevor ich ihn nicht gesehen habe, und zwar mit meinen eigenen Augen, ist alles, was du auch sagst, für mich nichts als leeres Geschwätz! Schau mal, mein Kleiner, als ich René kennengelernt habe, war er schon ein großer Boss, da warst du noch im Kindergarten und hast in die Hosen gemacht. Nun, aber René mag dich; ich hab nie verstanden warum. Doch eins lass dir gesagt sein: Der kann’s mit einem Dutzend von deiner Sorte aufnehmen!«
»Sag bloß!«
»Oh, reg dich nicht auf, das ist noch ein Kompliment! Schöngeister kannst du ja vielleicht beeindrucken. Du siehst kräftig aus wie ein Athlet. Doch wenn man dich auch nur einmal halb tot irgendwo liegen lassen würde, dann würdest du das nicht überstehen, würdest deinen kleinen Geist aufgeben! Nun, René hat das nicht nur einmal mitgemacht, sondern eher zehnmal – und hat es immer überlebt!«
Sie sprach ruhig, doch ihre goldbraunen Augen waren ganz schwarz geworden, so sehr hatten sich die Pupillen geweitet. Auf ihrem Gesicht zeichnete sich eine Art heiliges Entsetzen ab, eine Erwartungshaltung, eine Gewissheit.
»Hast du ihn schon mal nackt gesehen?«, fuhr sie fort. »Ich kenne ihn in- und auswendig. Aus Mexiko hat er wieder eine richtige Furche mitgebracht, eine Narbe am Hals, ganz geschwollen und blau angelaufen, fünfzehn Zentimeter lang. Unter der linken Brust hat er zwei bläuliche Schussspuren: Kugeln, die ihm die C.R.S. verpasst hat, als er eine Straßensperre in Aubagne durchbrochen hat. Und am Schädel hat er unter seinen angeklatschten Haaren eine richtiggehende Tonsur: ein Granatsplitter, den er abgekriegt hat, als er sich mit den Italienern in die Wolle gekriegt hat. Und sein Bauch erst! Der war schon drei Mal aufgerissen, die Eingeweide hingen ihm raus: am Boden, tot und begraben war er! Und am Rücken hinten: die schlimmste Wunde von allen, ein richtiger Krater! Da hat er aus nächster Nähe eine abgekriegt! Eine Wunde, die sieben Jahre später immer noch handtellergroß ist und rot wie ein Affenarsch. Mit einem Bremskabel gefesselt haben die ihn ins Wasser geschmissen. Und sechs Wochen später, kaum dass er wieder stehen konnte, hat er die ganze Bande in Champigny mit dem Maschinengewehr erledigt! Und dann die Schießerei in der Rue de Prony! Und wie er mit hundertsechzig Stundenkilometern unterwegs war, während ihm das Blut aus dem Oberschenkel gespritzt ist wie aus einem Gartenschlauch! Und das eine Mal ist er sogar noch aufgewacht, als sie gerade seine Kiste zugenagelt haben: ›Ich hab Hunger!‹, hat er da gesagt …«
Maines Blick war starr geworden. Sie wirkte schrecklich verstört. Sie ließ sich gehen, ganz allmählich überkam sie Entsetzen. Sie betrachtete die Tür, als wenn der »Tote« gleich ein weiteres Mal, wirklich unverwüstlich, übermenschlich, wie ein Halbgott, hereinkommen würde.
»Genau; zehnmal schon! Du weißt gar nicht, was in diesem Körper alles steckt. Ich bin mir sicher, selbst in Scheiben geschnitten fände er immer noch einen Ausweg. Er ist kein Mensch, er ist fast schon ein Heiliger! Und manchmal dachte ich, dass, wenn man ihm seinen Kopf abschlagen würde, er ihn aufheben, und wieder aufsetzen würde …«
Sie war vor Grauen ganz hässlich geworden. Sie hielt sich die Hände vors Gesicht und Roger dachte, dass ein Nervenzusammenbruch unvermeidlich war. Schließlich stand sie auf, öffnete einen kleinen Wandschrank, schenkte sich aus einer Karaffe etwas ein und schon war das Glas leer. Sie schien in die Realität zurückzukehren, beruhigte sich und wirkte wieder zehn Jahre jünger.
»Du wirst also verstehen«, sagte sie, »dass ich wie der ungläubige Thomas bin. Solange ich es nicht mit meinen eigenen Augen gesehen habe, glaube ich nicht daran.«
Roger steckte sich ruhig und gleichgültig eine Zigarette an. Gerade hatte er sich von der Notwendigkeit überzeugt, festzustellen, ob René le Comte wirklich niedergemacht worden war. Denn für den Fall, dass er sich wieder erholen sollte, wäre es äußerst heikel, ihm zu erklären, wieso er zuerst daran gedacht hatte, in seine Fußstapfen zu treten, anstatt zu versuchen, ihm zu Hilfe zu kommen.
»Gut«, sagte er. »Wie du willst. Wir werden dir die Nase draufhalten!«
»Gehen wir!«
»Warte! Ich werd nachher mit Riton dort vorbeigehen, um ihn nach Boullay-les-Trous in sein Landhaus zu bringen. Riton wollte mich vorher noch hier anrufen.«
»Sekunde!«, sagte Maine, die sich, wie es schien, wieder völlig gefasst hatte. »Riton! Riton! Was geht denn den die ganze Sache an?«
»Er ist gerade dabei, in allen Ecken und Enden von Paris herumzutelefonieren. Sobald er rausgefunden hat, wo sich der Typ befindet, der René umgelegt hat, lässt er es mich wissen.«
»Und dann?«
»Keine Sorge! Der wird dann heute noch nächtlichen Besuch bekommen.«
»Riton? Das würde mich wundern!«
»Nicht Riton! Sondern zwei kaltblütige Spezialisten, die er kennt.«
Ein ironischer Ausdruck schlich sich in das Gesicht der Frau.
»Du hast eine Art, Aufträge zu verteilen. Das gibt’s ja nicht, du hältst dich wohl für einen Minister!«
»Jeder am Platz, der ihm zukommt!«, sagte er nicht ohne Selbstgefälligkeit.
»Und alles zu seiner Zeit!«, schnitt sie ihm kurz angebunden das Wort ab. »Die Sache kann noch warten. Aber wenn René noch einen Tropfen Blut in seinen Adern hat, müssen wir sofort zu ihm, hörst du! Den anderen da treiben wir immer noch auf.«
Roger ließ eine dicke Rauchwolke in die Luft steigen.
»Das seh ich anders!«, sagte er. »Eine Leiche rührt sich nicht. Aber ein Lebender, der redet! Und es ist von allergrößter Wichtigkeit, dass niemand erfährt, dass René diese Nacht umgelegt worden ist.«
»Warum?«
»Damit du weiterkassierst, als ob René noch da wäre, meine Liebe!«
Maine kniff kühl die Augen zusammen.
»Wer ist noch daran beteiligt?«
»Ich, du und Riton.«
»Und die zwei Spezialisten?«
»Die stehen auf einem anderen Blatt. Das sind Angestellte: Die werden nach Leistung bezahlt.«
Es sah so aus, als wolle sie ein bisschen Klarheit bekommen. Schließlich spielte sie bei diesem Ding eine wichtige Rolle: ohne sie konnte es nicht klappen. Eigentlich hätte sie erst gefragt werden müssen, bevor er zu Riton gelaufen war.
S. 69-74
3.) Im Krankenhaus ist ein Patient verstorben. Die Schwesternschülerin Thérèse soll ihn in der
Leichenhalle waschen.
»So, so«, meinte Frau Julien, als es donnerte, »der liebe Gott macht also seiner Frau eine Szene!«
Sie schob zusammen mit Thérèse die Bahre. Als sie am Bettensaal der Frauen vorbeikamen, fragte eine Stimme:
»Schwester?«
»Ja! Sofort!«, antwortete Frau Julien.
Und zu Thérèse gewandt:
»Wieder mal eine, die pissen muss.«
»Ich geh schon!«, sagte Thérèse.
Die Nachtschwester hielt sie mit der Hand zurück.
»Lass mal! Schieb das hier in die Leichenhalle und fang schon mal damit an, den Herrn zurechtzumachen!«
Der »Herr« auf der Bahre war ganz blass. Sie hatten ihn mit einem Laken zugedeckt, um ihn, begleitet von einer erdrückenden Stille, aus dem Bettensaal der Männer herauszuholen. Nur Haare und Stirn waren zu sehen. Ein sehr großer, aber nicht besonders schwerer »Herr«. Auszehrung im fortgeschrittenen Stadium.
Thérèse schob die Bahre und öffnete die Tür zur Halle mit den kahlen Wänden. Es war stockfinster, aber sie fand gleich den Lichtschalter. Eine nackte Glühbirne an einem langen Kabel tauchte den Raum in ein fahles Licht.
In der Mitte stand ein langer Tisch mit einem Schutzbezug. Am anderen Ende des Raums blähte der Wind, der durch das halboffene Fenster drang, die weißen Vorhänge.
Sie zuckte zusammen, als sie eine Gestalt wahrnahm, die regelrecht an die Wand geklatscht war. Sie brauchte ein oder zwei Sekunden, um zu erkennen, dass es sich dabei um einen Kittel und eine Haube handelte, die Frau Julien vermutlich gewaschen und dann, als sie noch feucht waren, regelrecht an die Wand geklebt hatte, um sie schnell ein wenig zu glätten.
Sie schob die Bahre neben den langen Tisch. Sie war sehr blass, ihr Gesicht war angespannt. Sie zitterte. Erst zog sie nur das Laken ein Stück vom Gesicht zurück, dann deckte sie, gleich einem Sprung ins kalte Wasser, den Leichnam völlig auf.
Er war schrecklich mager, noch nicht ganz erkaltet und verströmte den strengen Geruch des im Todeskampf abgesonderten Schweißes. Das Krankenhemd war feucht und klebte an den hervorstehenden Rippen. Die Augen waren glasig; der geöffnete Mund gab den Blick frei auf Karies und auf eine zu schwere Zunge, die schon langsam anschwoll.
Sie wusste, was zu tun war. Während ihrer Arbeit im Krankenhaus war sie schon zwei Mal dabei gewesen, als noch warme Leichen zurechtgemacht wurden. Aber es war das ers-te Mal, dass sie ganz alleine war und unmittelbar mit einem Toten in Berührung kam.
Draußen war es dunkel. Das Donnern hatte aufgehört, aber der Wind blähte die weißen Vorhänge auf, drang in die Halle und ließ die nackte Glühbirne hin und her pendeln.
Sie strich mit den Händen über die Augenlider des Toten, um sie zu schließen. Das Berühren dieser Haut hatte etwas Abstoßendes: Es galt noch diesen klaffenden Kiefer mit einem Kinnriemen zu fixieren, bis die Totenstarre eintrat. Es galt, ihm das besudelte Hemd auszuziehen. Es galt, ein Leichentuch auf dem Tisch auszubreiten, um dann den Leichnamdraufzuhieven. Dann galt es …
›Ich kann nicht! Ich kann das einfach nicht!‹
Sie spürte, wie Panik in ihr hochstieg und die blanke Angst sich in ihr ausbreitete: Sie bekam am ganzen Körper eine Gänsehaut, es lief ihr kalt den Rücken runter und sie musste die Zähne fest zusammenbeißen, damit sie nicht klapperten.
Plötzlich hatte sie den Eindruck, dass eine weißliche Gestalt links an ihr vorbeihuschte. Aber es war nur der inzwischen getrocknete Kittel, der sich von der Wand löste und zu Boden fiel. Das Lichtspiel der immer heftiger schaukelnden Glühbirne verzerrte das Gesicht des Toten zu Fratzen.
Die Augen der kleinen Schwesternschülerin waren vor Entsetzen weit aufgerissen: Sie war auf einmal nur noch ein verschrecktes kleines Mädchen, das zu einer Salzsäule erstarrt war und sich nicht mehr von der Stelle rühren konnte. Auf ihrem jugendlichen Nacken zeichneten sich die Sehnen ab, ihr Blick war starr und sie rang nach Luft. Sie hatte den Kopf zwischen die Schultern gezogen, und es war ihr anzusehen, dass sie versuchte, »Mama!« zu schreien, wie ein ganz kleines Kind, das Angst hat, furchtbare Angst!
Die Tür ging auf; herein kam Frau Julien.
Frau Julien war keine Anfängerin. Sie reagierte sofort, als sie das entsetzte Gesicht sah. Sie ging auf Thérèse zu.
»Kind!«, schrie sie sie an.
Sie gab ihr sofort eine kräftige Ohrfeige, um sie aus ihrer Schreckensvision zu reißen, dann kniff sie sie derb in den Arm. Ein Schrei entfuhr dem jungen Mädchen, während es die Hände hob, wie um sich zu verteidigen.
»Du darfst keine Angst haben!«, schrie Frau Julien aufgebracht. »Das darfst du nicht, hörst du!«
Sie schloss energisch das Fenster, dann stellte sie sich auf das Gestell der Bahre und hielt die schwankende Glühbirne an.
Sie wandte sich wieder dem Mädchen zu.
»Das darfst du einfach nicht! Verstanden? Ich weiß nur zu gut, wie das ist, nur zu gut. Vergiss die Abschlussprüfungen. Die wahre Prüfung ist das hier! Wenn du damit nicht klarkommst, solltest du dir einen anderen Beruf suchen!«
Thérèse fing an zu schluchzen, und Frau Julien nahm sie mütterlich in den Arm.
»Heul ruhig, Kleines! Heul dich aus! Dann musst du weniger pinkeln! Weißt du, du bist nicht die erste, die nicht für diesen Beruf geschaffen ist. Wenn du es hinschmeißt, dann bin ich die letzte, die dir deshalb Vorwürfe macht.«
»Ich kann das nicht hinschmeißen«, schluchzte Thérèse. »Ich kann nicht! Das geht nicht!«
»Wenn du was gelernt hast, dann kannst du doch was anderes machen als diese Drecksarbeit!«
»Ich kann nichts anderes machen«, flüsterte Thérèse. »Genau diese Drecksarbeit muss ich machen!«
Sie weinte hemmungslos. Stockend erklärte sie:
»Ich kann das nicht hinschmeißen! Meine Eltern sind arm wie Kirchenmäuse. Ich hab ein Stipendium gekriegt, ein Darlehen für die Krankenschwesternausbildung als Auszeichnung. Wenn ich das hinschmeiße, dann bleibt mir nichts mehr, überhaupt nichts mehr. Nur Schulden!«
»Verstehe«, sagte Frau Julien, der das Leben schon so manche bittere Lektion erteilt hatte. »In dem Fall stehst du das durch, Kindchen! Wie alt bist du denn?«
»Achtzehn.«
»Du hast alle Zeit der Welt, um dir ein dickes Fell wachsen zu lassen. Na los, Kleines! Um den hier kümmern wir beide uns zusammen!«
Sie musterte die Leiche, stieß ein Glucksen aus.
»Oje! Ist der hässlich!«
Sie packte seine Beine, schlug sie übereinander und drehte ihn mit einer energischen Bewegung auf dem Tisch um. Der halboffene Kittel gab den Blick auf seine ungeschönte Nacktheit frei. Es entwichen stinkende Gase.
»Und sehr höflich ist der auch nicht, der alte Schweinebär. Der hat wirklich nichts Ansehnliches, dieser Neandertaler. Und im Übrigen, Kleines, kannst du dich nicht zu sehr beklagen; der ist ja spindeldürr, das geht noch. Am schlimmsten sind die Dicken! Du wirst schon sehen, Mädchen, diese fetten alten Schachteln. Da quillt alles über, stinkt nach Talg, wabert auf dem Tisch rum und läuft an allen Enden aus: wie bei einem Ölwechsel!«
Sie nahm ein Leichentuch aus dem Schrank, schob es unter den Körper, den sie noch einmal umdrehte, wobei sie darauf bedacht war, zu überspielen, dass nur sie alleine arbeitete. Sie streckte die Beine des Toten aus, die sie vollständig entblößte, als sie ihm das Hemd hochschob. Sein Penis war schlapp und gräulich.
»Es hat sich ausgevögelt! Vorbei ist der Spaß, meine Damen!«, fuhr die gute Frau Julien betont ungerührt fort. »Schau, da ist die OP-Narbe. Wenn sich erst die Gase bilden, dann platzt er genau hier auf.«
Sie zog ihm das Hemd hoch, bog dabei seine abgemagerten Arme nach hinten. Der Kopf, der mehrere Male hochgehoben wurde, fiel mit einem hohlen Geräusch unkoordiniert auf den Tisch zurück. Übelkeit stieg in Thérèse auf; sie stand reglos da, brachte kein Wort heraus.
War diese Frau Julien eine böse Hexe? Nein. Thérèse war intelligent genug, um zu begreifen, dass sie, ganz im Gegenteil, ein herzensguter Mensch war. Als alter Hase erteilte sie ihr eine Lektion über den gleichgültigen Umgang mit dem Tod, ohne den man diesen Beruf nicht ausüben kann. Sie hatte den Toten mit ihren kurzen dicken Armen gepackt, um ihn zurück auf seinen Platz zu legen. Mit einer Hand klappte sie den gähnenden Kiefer zu, bevor sie den Kinnriemen festzog.
»Als ich ganz neu in dem Job war, hab ich immer gesungen, um mir Mut zu machen, weißt du:
Jonny komm, wir fressen eine Leiche,
Jonny komm, wir gehn ins Leichenhaus.
Eine Leiche, die wird uns schon reichen,
und schmecken tut sie auch.«
Beim Singen kam sie etwas außer Atem, da ihr einiges an körperlicher Anstrengung abverlangt wurde.
»Ich halt das nicht aus!«, dachte Thérèse. »Ich muss gleich kotzen! Zum Glück macht sie das alles alleine! Sie meint es wirklich gut mit mir. Ich muss wenigstens dableiben!«
»Und außerdem«, sagte Frau Julien, »wirst du ja wenigstens einen Abschluss machen, du wirst dann etwas angenehmere Aufgaben zu erledigen haben und einigermaßen über die Runden kommen. Aber ich, ich steh ja ohne Abschluss da, Kleines, wenn du wüsstest, wie viel die mir mit meinen fünfzig Jahren dafür zahlen, dass ich das hier mache …«
»Sie hat Recht«, dachte Thérèse. »Genau jetzt muss ich meine wichtigste Prüfung bestehen. Heute Nacht entscheidet es sich. Es geht nicht darum, dem Prüfer schöne Augen zu machen oder eine Abschlussarbeit zu schreiben, ich muss einfach alles geben!«
»Julien!«, rief jemand im Gang. »Bist du da, Julien?«
»Hier bin ich!«, schrie Frau Julien.
S. 45-50
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