Schreiben zwischen sozialer Realität und Utopie
Jean Amila
Leseproben
»Bis nichts mehr geht«
1.)
Marie-Anne stellt fest, dass ihre Schülerinnen Schnaps mit in die Schule bringen
An diesem Morgen gab es aber noch eine andere Zerreißprobe, als ein Pult knarrte. Ab und zu
wurde immer wieder ein Pultdeckel hochgeklappt und eine Schülerin wühlte einfach so in ihrem
Fach herum. Da Marie-Anne die Kinder vom Namen her noch nicht gut kannte, rief sie diese
nicht gern auf.
Aber dieses Mal wurde sie aufmerksam. Der Pultdeckel von Marie-Jeanne Lecorre war gerade
nach oben geklappt worden und verdeckte ihr die Sicht auf die Schülerin, aber sie konnte hin
und wieder die Unterseite einer kleinen Flasche auftauchen sehen. Andere Schülerinnen hinter
und neben ihr sahen zu und kicherten leise und albern.
»Marie-Jeanne!«
Der Flaschenboden verschwand; es verging ein kurzer Moment, dann wurde der Pultdeckel
wieder heruntergeklappt.
»Hier, Fräulein!«
»Was hast du da gemacht?«
»Nichts, Fräulein!«
Man hörte erstickte Lachanfälle; ihre Mitschülerinnen standen voll hinter ihr. »Würdest du mir
bitte die Flasche bringen, die du in der Hand hattest?« »Das ist meine Pausenflasche, Fräulein!«
»Bring sie mir her!« Marie-Jeanne hatte ihre Flasche aus ihrem Pult geholt; es war
eine Art Saftflasche mit einem Schraubverschluss und einem halben Liter Inhalt. Sie war halb
mit einer bräunlichen Flüssigkeit gefüllt, die achteckige Blasen schlug und damit an eine
Bienenwabe erinnerte.
Marie-Jeanne hatte einen eher dunklen Teint, schwarze Haare, einen – wie man so sagt – frechen
Blick und war groß. Ihr Blick war zwar bemerkenswert dumm, aber alles in allem nicht
verblödet; sie war eher eine von den guten Schülerinnen. Sie lachte albern, als sie im
Wiegeschritt nach vorne kam.
»Was ist das denn?«
»Kaffee«, sagte sie.
Marie-Anne öffnete die Flasche und roch daran.
»Aber das riecht ja nach Schnaps!«
»Ja, davon kommt ein klein wenig rein«, gab die Schülerin zu.
»Ein wenig? – Du willst wohl eher sagen, dass das purer Schnaps mit ein bisschen Kaffee ist,
woher dann auch diese komische Farbe kommt.«
»Klar, Mensch«, sagte das Mädchen. »Wir sind doch nicht arm.«
Sie hatte das nicht beabsichtigt, aber sie löste damit in der ganzen Klasse Gelächter aus.
Marie-Anne spürte, dass sie ihre Autorität riskierte. Sie stand auf.
»Ruhe! Alle stehen auf und kreuzen die Arme über der Brust!«
Die Klasse gehorchte folgsam und ohne zu zögern. Die junge Lehrerin verschloss die Flasche
wieder und wandte sich an das Mädchen: »Komm mit! Wir gehen jetzt zur Frau Direktorin.«
Marie-Jeanne wollte zunächst den Arm heben, wie um sich zu schützen, ging dann aber tapfer
mit.
Der Flur war dunkel und roch nach vergammeltem Wischlappen. In dieser Schule roch übrigens
alles alt, wie aus der Zeit Ludwigs des Vierzehnten. Manchmal wurden die Älteren damit
beauftragt, den Boden mit Chlor zu wischen, daher war nichts wirklich schmutzig. Alles
gammelte jedoch vor sich hin.
Das Klassenzimmer der jüngeren Mädchen hatte eine verglaste Tür, die das Ende des Flurs
erhellte. Marie-Anne klopfte und trat ein.
Fräulein Dhozier stand an der schwarzen Tafel und war gerade dabei, die Klasse in das
Geheimnis der Schönschrift einzuweihen. Sie legte die Kreide beiseite.
»Ja?«
»Frau Direktorin, könnte ich Sie bitte einen Moment sprechen?«
Fräulein Dhozier hatte zunächst in das ernste Gesicht ihrer Untergebenen geblickt und dann auf
die kleine Flasche, die sie in der Hand hielt. Sie schaute verständnislos drein. Dann donnerte sie
in die Klasse:
»Neben die Bänke stellen, Hände auf den Rücken und Ruhe!«
Die Kleinen, die geradezu wunderbar dressiert waren, erhoben sich exakt gleichzeitig und
blieben stocksteif respektvoll neben ihrer jeweiligen Tischseite mit den Händen auf dem Rücken
stehen. Selbst das Denken hatten sie eingestellt. Fräulein Dhozier warf noch einen kurzen Blick
auf ihren Triumph und bedeutete Marie-Anne dann, hinauszugehen.
Im dunklen Flur stieß sie gegen das Mädchen:
»Wer bist du denn?«
»Marie-Jeanne Lecorre, Frau Direktorin.«
»Und, was hast du angestellt?«
»Ich habe ihr gerade eine Flasche voll mit Alkohol abgenommen«, sagte die junge Lehrerin.
»So! Verdammt noch mal!«, fluchte die Dhozier.
Sie schob sie zur kleinen Treppe, die in fünf Stufen zum überdachten Schulhof führte. Im
Tageslicht angekommen, nahm sie die Flasche, roch am Inhalt und drehte sich zu Marie-Anne
um.
»Was hat sie denn damit gemacht?«
»Sie hat hinter ihrem Pult daraus getrunken.«
Peng, peng! Die Schülerin bekam zwei heftige Ohrfeigen, die sie zwar erwartet hatte, aber kaum
abwehren konnte, weil sie von der Schnelligkeit, mit der sie kamen, überrascht war. Sie weinte
nicht, denn sie hatte es ja verdient; sie schien eher erleichtert zu sein.
Fräulein Dhozier kanzelte sie noch sehr würdevoll ab:
»Das will ich auf keinen Fall! Verstanden, du kleines Biest? Ich will, dass sich alle dem Fräulein
gegenüber respektvoll verhalten! Hättest du damit nicht bis zum Mittag warten können?«
Sie gab ihr die Flasche zurück:
»So, tu das wieder in dein Pult! Und dass mir das nicht noch mal passiert, hörst du!«
»Ja, Frau Direktorin.«
Marie-Anne beobachtete die Szene, als würde sie sich selbst zuschauen. Es war, als ob ihr in
Gedanken die Luft wegblieb. Sie sah, wie das Mädchen dann gleich wegging, als ob nichts
gewesen wäre. Sie hörte auch, wie das alte und nette Fräulein Dhozier ihr freundlich sagte:
»Sie hatten Recht, zu kommen. Ich will, dass die Kinder Sie respektieren.«
»Aber«, begann Marie-Anne, »ich glaube, dass ein Missverständnis vorliegt. Nur ich alleine
kann mir Respekt verschaffen, glaube ich. – Hierbei jedoch handelt es sich um ein schlimmes
Vergehen. In der Flasche, die Sie zurückgegeben haben, war Alkohol.«
Fräulein Dhozier war ein wenig unzugänglich geworden. Sie sagte ganz bewusst in einem Ton,
als ob sie nicht verstünde:
»Ja?«
»Das ist streng verboten!«, sagte Marie-Anne ein wenig blass, aber kämpferisch.
»Aber die Eltern geben es den Kindern«, sagte Fräulein Dhozier etwas pikiert.
»In diesem Fall haben die Eltern Unrecht. Aber wenn wir die Eltern nicht erziehen können, dann
doch wenigstens die Kinder.«
»Bis zum heutigen Tag hat sich noch niemand über unsere Erziehung beschwert«, sagte die
Direktorin immer pikierter. »Ich bin schon dreißig Jahre lang hier, meine Kleine. Ich weiß nicht,
was man in Paris so treibt; aber ich weiß, wie man mit den Leuten in dieser Gegend umgehen
muss!«
»Wie Sie wollen!«, meinte Marie-Anne sehr schroff. »Aber ich bin hierher gekommen, um eine
Klasse zu unterrichten und nicht, um eine Schankwirtschaft zu betreiben. In meiner Klasse dulde
ich keinen Tropfen Alkohol, um das klipp und klar zu sagen! Und die Flasche von Marie-Jeanne
nehme ich persönlich an mich.«
»Tun Sie das! Aber Sie übernehmen auch die Verantwortung dafür«, sagte die Direktorin.
»Voll und ganz!«
Marie-Anne kehrte in ihren Klassenraum zurück. Es schien so, als hätte sich niemand bewegt.
Die junge Marie-Jeanne war bereits wieder an ihrem Platz, und die Flasche war auch wieder im
Pult. Ein diffuser Alkoholgeruch lag in der Luft.
»Alle mit einer Flasche heben die Hand!«
Für einige Momente herrschte Bewegungslosigkeit, dann hob sich eine Hand, noch eine: Alle
Schülerinnen hatten Flaschen!
Marie-Anne wandte sich an Madeleine Saoul, die Älteste, die schon kurz vor der
Abschlussprüfung stand:
»Was hast du in deiner Flasche?«
»Kaffee, Fräulein.«
»Mit Schnaps?«
»Ja, Fräulein. Das ist wegen der Grippe.«
»Hast du Grippe?«
»Nein, aber das soll davor schützen.«
Marie-Anne fragte nicht weiter, sondern ging zur zweiten, Monique Romphaire, über:
»Hast du auch Schnaps im Kaffee?«
»Ja, Fräulein.«
»Warum?«
»Weiß nicht«, sagte Monique, »Kaffee ist ja sonst nicht trink-bar. Kaffee ist doch nur schwarzes
Wasser.«
»Machst du deine Flasche selbst fertig?«
»Nein, das macht Mama.«
»Was tut sie da rein?«
»Eine Tasse Kaffee und eine Tasse Schnaps, was denn sonst!«
Marie-Anne schlug die Hände vors Gesicht. Sie hatte das Schlimmste erwartet, aber das
Schlimmste schien ihr noch übertroffen.
»Gibt es eine unter euch, die etwas anderes als Kaffee und Schnaps in der Flasche hat?«
Es herrschte lange Zeit Stille, dann fasste die Älteste, Marie Saoul, die Situation freundlich
zusammen:
»Es gibt keine Armen in der Gemeinde!«
»Aufstehen!«
S. 47-52
2.) Marie-Anne kehrt von einem Besuch bei ihrem Onkel Augerau heim, der als
Polizist gegen den Schnapshandel vorgeht. Sie legt sich mit Fräulein Dhozier an
und fordert unabsichtlich den Pfarrer heraus
Marie-Anne kam herein. Sie war völlig durchnässt: Von ihren Haaren triefte das Wasser, der
Rock klebte ihr an den Schenkeln.
»Mein armes Kind!«, sagte der Pfarrer.
»Sie wird sich noch erkälten«, setzte Fräulein Dhozier noch eins drauf. »Bei einem solchen
Wetter sollte man eigentlich gar nicht über Land fahren!«
Sie schoben sie vor den Kamin, was sie bereitwillig mit sich geschehen ließ. Sie war auf dem
Rückweg vom Regen überrascht worden.
»Je nun«, sagte Fräulein Dhozier, »das ist nicht gerade die feine Art von Ihrem Cousin
Augereau. Der hätte Sie schließlich heimbringen können!«
»Er musste arbeiten«, sagte Marie-Anne.
»Arbeiten?«
Fräulein Dhozier stieß einen kleinen, zweifelnden Pfi aus.
»Seine Arbeit schätzen die Leute hier aber nicht besonders. Hab ich nicht Recht, Herr Pfarrer?«
Der alte Mann griff beschwichtigend ein.
»Fräulein Marie-Anne ist doch nicht für das verantwortlich, was ihr Bruder tut.«
Die junge Frau hatte daraufhin eine leicht abweisende Haltung vor dem Kamin angenommen.
»Wenn man das so hört, dann könnte man ja gerade meinen, mein Onkel sei ein Krimineller.«
Fräulein Dhozier war aufgestanden und kramte im Büffet herum.
Während sie einen Wasserkocher aus Zinn daraus hervorholte und Cidre hineingoss, protestierte
sie lebhaft:
»Ich hab nicht gesagt, dass er ein Krimineller ist!«
Sie schob die heiße Glut etwas zur Seite und stellte den kleinen Topf in die Asche. Dann holte
sie Zucker und tat sechs Stück davon in den Cidre.
Marie-Anne stand immer noch am Kamin. Die Handflächen gegen das Feuer haltend,
beobachtete sie sie aus den Augenwinkeln. In der ganzen Haltung der Dhozier fühlte sie die
Feindseligkeit eines bereits stark in die Jahre gekommenen Fräuleins, dessen Autorität
angegriffen wurde; die letzten zehn Jahre war Fräulein Dhozier mit ihrer »höheren
Lehrbefähigung« die unbestrittene Direktorin gewesen, die ihre Lehrerinnen mit harter Hand
führte. Sie hatte es nie ganz verkraften können, dass man heutzutage auch noch ein Abitur haben
sollte, um die Abschlussklasse zu unterrichten; so hatte sie von den neuen
»Kolleginnen« schon mehr als eine in die Verzweiflung getrieben. Doch man hatte ihr zu
verstehen gegeben, dass die unumgehbaren »Abiturientinnen«, die sich damit einverstanden
erklärten, für ein lächerliches Gehalt in dieses hinterwäldlerische Kaff zu kommen, immer rarer
wurden. Sie war scharfsinnig genug, um zu begreifen, dass, falls es zu einem Konflikt käme, die
Diözesanbehörde nicht zwangsläufig der »Abiturientin« Unrecht gäbe.
Marie-Anne war eigentlich nicht besonders streitsüchtig, doch wie alle jungen Frauen mit
zwanzig, die eine aufrechte Gesinnung haben, musste sie immer alles auf den Punkt bringen.
»Ein richtiges Räuber-und-Gendarm-Spiel«, sagte sie. »Und ich sehe, dass Sie für die Räuber
Partei ergreifen.«
Alle drei hatten sich zu ihr gewandt und ihr empörte Blicke zugeworfen.
»Oh! Das ist doch …«, legte die Dhozier los. »Jetzt wird sie gleich noch damit kommen, dass
der Herr Pfarrer ein Räuber ist!«
»Darum gehts doch gar nicht …«
Doch die Dhozier hatte jetzt ein Argument und preschte vor:
»Sie sagt, dass Sie ein Räuber sind, Herr Pfarrer!«
»Aber, aber, das sagt sie doch gar nicht«, sagte der Pfarrer beschwichtigend.
»Wie? Na hören Sie mal: Sie haben jedes Jahr dreihundert Liter nichtdeklarierten Schnaps im
Keller! Das will sie damit sagen! Sie bestehlen den Fiskus! Und ich also auch! Überhaupt alle
hier! – Das will sie damit sagen!«
Sie war außer sich vor Wut. Jetzt hatte sie ihre große Szene. Sie würde dieses unverschämte
Weibsbild niedermachen!
Marie-Anne lächelte dazu nur.
»Nun ja, mir ist nicht ganz klar, was der Herr Pfarrer mit dreihundert Litern Alkohol im Jahr
anfangen soll.«
»Na ja«, sagte der gute Mann, »im Durchschnitt sind das schon so …«
»Sie trinken das alles?«
»Wegschütten tu ichs natürlich nicht, meiner Seel!«
Marie-Anne ging noch näher an das Feuer heran, so nah, dass man Angst bekam, sie verbrenne
sich gleich den Bauch.
Dann sagte sie in dem neutralen Tonfall eines Arztes:
»Sie sind ein Alkoholiker, Herr Pfarrer.«
Der alte Mann schluckte entsetzt; um sich zu fangen, kippte er das Gläschen Schnaps hinunter,
das er vor sich stehen hatte. Doch die Dhozier, ganz empört, fasste die Worte als eine schwere
Beleidigung auf.
»Oh, was für eine Schande! Seit dreißig Jahren wohne ich hier. Das ist das erste Mal, dass
jemand in meinem Haus beleidigt wird!«
»Ich beleidige niemanden«, sagte Marie-Anne ruhig, während sie immer noch in die rote Glut
schaute. »Das war nur eine Feststellung. Der Herr Pfarrer, Sie selbst, Charlotte und das halbe
Dorf sind Alkoholiker.«
Da war die Dhozier aufgefahren, ihr Blick sprühte Funken.
»Und Sie, was sind Sie? – Ein unverfrorenes Weibsstück! Eine« – sie suchte nach dem
spitzesten Pfeil in ihrem Köcher – »eine, eine Halbstarke!« Marie-Anne musste niesen.
»Trotzdem Gesundheit!«, sagte die Dhozier dumpf grollend.
»Sie ist jung«, sagte der Pfarrer, der Nachsicht zeigen wollte. »Unsere kleine Marie-Anne ist
jung, sehr jung. – Heutzutage wird zu viel aus Büchern gelernt.«
Marie-Anne hatte sich aufrecht und schwungvoll zu ihm gewandt:
»Das hab ich leider nicht aus Büchern, Herr Pfarrer. Ich hatte unglücklicherweise jemanden in
der eigenen Familie. Es handelt sich um meinen Vater. Es steht mir nicht zu, zu urteilen; er war
eben das, was man landläufig so gedankenlos einen Trinker nennt. Ich benutze vielleicht sehr
einfache Worte, und doch sagen sie etwas Wahres aus. Bevor der Alkohol meinen Vater getötet
hat, hat er das Familienleben zerstört. Ich bin nicht mehr so jung, Herr Pfarrer.«
»Ihr Vater war also ein Säufer?«, sagte die Dhozier mit sanfter Stimme. »Nun, ich kann Ihnen
versichern, dass der Herr Pfarrer immer gewusst hat, was er tut. So wie ich übrigens auch.«
Marie-Anne zuckte unmerklich mit den Schultern. Sie war nicht auf einen Streit aus. Sie wandte
sich an den alten Pfarrer:
»Ich wollte Sie nicht beleidigen, Herr Pfarrer. Ein Alkoholiker hat sehr viel mit einem
Rheumatiker gemein: Es ist eine Art Krankheit.«
»Das wird ja immer besser!«, sagte die Dhozier.
Marie-Anne wandte sich jetzt zu ihr.
»Ja, eine Krankheit. Versuchen Sie doch einmal auf Ihr Tässchen Schnaps zu verzichten, das am
Morgen, das um zehn Uhr, das mittags, das um vier und auf das Tässchen am Abend, ganz zu
schweigen von der Prise Puderzucker, den in Schnaps eingelegten Kirschen, dem Kaffee mit
Schuss. – Sie würden es nicht schaffen! Ich wette mit Ihnen, dass Sie damit nicht aufhören
könnten!«
»Ich hab auch nicht die geringste Lust dazu!«, sagte die Dhozier.
»Da haben wir es ja«, sagte Marie-Anne, »Sie sind eine Sklavin des Schnapses!«
Die Dhozier brach in ein schrilles Lachen aus.
»Sklavin! – Jetzt spricht sie genau so wie dieser lächerliche kleine Aushilfspfarrer – ohne
natürlich Ihrem Stand zu nahe treten zu wollen –; dieser Abbé Mirout, der Sie vertreten hat, als
Sie krank waren, Herr Pfarrer: ‚Ihr seid Sklaven Ihrer Hoheit des Schnapses!’ – Können Sie sich
daran noch erinnern, Herr Pfarrer? – Und wollen Sie wissen, was er uns statt dessen doch
tatsächlich vorgeschlagen hat? Er wollte alle jungen Burschen und alle jungen Mädchen in kurze
Hosen stecken! – Fußball … Bassengball … oder wie hat er dazu immer gesagt, Charlotte?«
»Basketball.«
»Das war natürlich nichts als ein Vorwand. Alle Welt sollte halbnackt vor ihm rumhopsen! –
Doch dem hab ich tüchtig meine Meinung gesagt!«
Während sie noch sprach, hatte sie wieder den kleinen Krug mit Schnaps genommen und die
Tassen gefüllt. Dann hatte sie eine Zange vom Kamin genommen, die eigens dafür angefertigt
worden zu sein schien, hatte den kleinen Zinntopf herausgenommen und ihn auf den gemauerten
Kaminrand gestellt. Das Gebräu begann schon zu dampfen.
Nun wandte sich der alte Mann zu Marie-Anne. Es hatte ein wenig gedauert, bis ihre Worte ihn
in seiner Eigenliebe getroffen hatten; doch jetzt verteidigte er sich.
»Ich kann mit Trinken aufhören, wann immer ich will«, sagte er mit einem wahrhaft kindlichen
Trotz.
»Bah«, warf die Dhozier ein, »Sie messen dem, was sie sagt, viel zu viel Bedeutung zu.«
Aber der alte Mann ließ sich nicht abbringen.
»Klar, Säufer wie Berlu, wie Baron, die könnten nicht aufhören mit Trinken. Aber ich, wenn ich
sag, dass ich drei Tage lang kein Tröpfchen mehr trink, dann trink ich auch drei Tage lang kein
einziges Tröpfchen mehr.«
»Lassen Sie sie doch schwätzen, Herr Pfarrer!«
Doch da legte der alte Mann endgültig los.
»Ha, dazu bin ich sehr wohl in der Lage! Wenn man so was hört, da würde ja ein Heiliger vor
Scham im Boden versinken! Also: in drei Tagen, ab heut, zur selben Zeit! Wir sind doch keine
Städter! Wir halten noch was aus! Wir sind noch dazu imstande, zu trinken oder nicht zu trinken,
ganz wie es uns passt!«
Die Dhozier wandte sich Marie-Anne zu.
»Sehen Sie, was Sie da angerichtet haben! Sie haben den Herrn Pfarrer beleidigt.«
»Das war nicht meine Absicht«, sagte Marie-Anne. »Das weiß der Herr Pfarrer wohl.«
Der alte Pfarrer schüttete den Inhalt seiner Tasse wieder in den kleinen Krug zurück.
»Ihr werdet schon sehen!«
»Seien Sie doch nicht so kindisch!«, redete ihm die Dhozier zu.
Sie nahm wieder den kleinen Krug, aber nicht in der Absicht, den Pfarrer zum Trinken zu
nötigen. Sie hatte eine große Trinkschale bereitgestellt, in die gut ein halber Liter hineinpasste.
Sie goss nun zwei volle Tassen Schnaps hinein und holte dann den Zinntopf, der direkt neben
der Asche stand. Sie prüfte die Temperatur, indem sie den Finger hineintauchte, schüttete alles in
die Trinkschale und hielt Marie-Anne das dampfende Gebräu hin.
»Da, nehmen Sie doch, wenn Sie nicht krank werden wollen!«
Marie-Anne wich entsetzt zurück.
»Aber Sie wollen doch nicht etwa, dass ich das trinke!«
»Sie haben sich eine Erkältung geholt«, sagte die Dhozier. »Wir werden Sie erst mal richtig
einwassern, dann geht die schon vorbei.«
»Mich einwassern?«
»Sie betrunken machen! Nichts wäre natürlicher!«
»Nein, wirklich nicht«, sagte die junge Frau mit amüsiertem Widerwillen.
Aber die Dhozier fuhr sie von oben herab an.
»Ich bin immer noch die Direktorin dieser Schule, nicht wahr? Ich bin daher auch für die
Gesundheit meiner Lehrerinnen verantwortlich.«
Doch mit Einschüchterungen war Marie-Anne nicht kleinzukriegen.
»Fräulein Dhozier, ich enthebe Sie dieser Verantwortung«, sagte sie. »Ich werd mich schon um
mich selbst kümmern. – Einen schönen Abend noch.«
Damit ging sie aus dem Zimmer, während die anderen wie versteinert zurückblieben.
Fräulein Dhozier war die Erste, die wieder zu sich kam. Sie schüttelte mitleidig den Kopf.
»Dieses Mädchen, Herr Pfarrer, das ist schon ein rechter Trotzkopf!«
S.117-123