1.) Dédé Lenoir kann nicht glauben, dass sein Chef Coutre für den Mord an Kapitän
Hubert verantwortlich sein soll und stellt auf eigene Faust Nachforschungen an:
» Ich ging los, immer am Ufer entlang. Auf der anderen Seite des Kanals sah man trotz der späten
Stunde die Lichter bei Meunier brennen. Und ich wusste ganz genau, dass die meisten Schiffer dort
gerade am Diskutieren waren.
Wieder verspürte ich dieses seltsame Kribbeln in den Eingeweiden, das Gefühl, das einem vor dem
Fallschirmspringen in den Magen fährt. Oder, für die Feinfühligen unter uns, die von Vorahnungen
und versteckten Zeichen besessen sind: Ich glaube, dass genau in diesem Moment bei mir eine
Alarmglocke schrillte, und zwar nicht etwa wegen Coutres Knarre, ganz im Gegenteil. Das gehörte
zur Bullenkomödie, ein typisches Krimiphänomen, das gab es im wirklichen Leben nicht.
Nein, es war etwas anderes, das noch im Verborgenen lag: Etwas Dumpfes, das irgendwo lauerte,
etwas Dunkles, wie ein lauerndes Tier ...
Ich entfernte mich von der Schleuse und lenkte meine Ge-danken auf meine Frau und meine
beiden Kinder. Aber ja! Vielleicht war meine berühmte Vorahnung ja nichts anderes als das
Bewusstsein, dass mein Leben gescheitert war, das mich immer ankam, sobald ich mich etwas
einsam fühlte und mich mit meinem Schicksal konfrontierte. Ich liebte noch immer eine Frau, die
mich nicht mehr liebte, die mich vielleicht nie geliebt hatte ... Aber ich habe nicht vor, euch Tränen
aus dem Leib zu leiern, ihr guten Seelen. Ich erzähle nur, was ich wirklich nicht verbergen kann.
Ich folgte dem Kanal, der sich nach und nach im Dunkeln verlor. Der Nebel war nur noch ein
leichter Schleier an der Wasseroberfläche, und als ich mich umdrehte, fiel mein Blick auf eine
nächtliche Zauberwelt, in der alles zu einem schönen Gelb verschwamm: die Schleuse, die Kähne
und das chemische Licht, das den Nebel in golden leuchtenden Schaum verwandelte.
Ich aber ging auf die Dunkelheit zu, dorthin, wo sich der verhangene Nachthimmel kaum noch im
Kanal widerspiegelte, wo nur noch einige wenige Lichter auf den vertäuten Kähnen Spuren
menschlichen Lebens andeuteten.
Eine geraume Weile kam kein Kahn mehr, kam überhaupt nichts mehr. Langsam gewöhnten sich
meine Augen an die Dunkelheit, und ich konnte in der Ferne die schwarze Silhouette der Hématite
erkennen, die an den Pollern vertäut quer vor Anker lag. « S. 26/27
2.) Dédé ist zusammengeschlagen worden und kommt nach Hause:
Allmählich näherte ich mich meinen drei großen, hoch aufragenden, herrlichen Rotbuchen, die
man schon von weitem sehen konnte. Mit Hilfe eines Ruders kletterte ich an dem kleinen
befestigten Ufer an Land.
Es dürfte noch keine zwei Uhr morgens gewesen sein, die Nacht war nun kalt und klar, und am
Himmel waren Sterne zu sehen. Jede noch so kleine Bewegung strengte mich an. Ich hatte wohl
viel Blut verloren und atmete in kleinen, schnellen Stößen.
Als ich an Land war, hielt ich einen Augenblick inne. Ich war zuhause, in meinem eigenen Reich,
und dennoch verspürte ich dasselbe Unbehagen, das mich oft morgens um fünf befiel, wenn ich die
Hand auf dem Türknauf hatte.
Nun musste ich meiner Frau, Jacqueline, gegenübertreten.
Ich erklomm langsam die Treppe, die die Böschung hinaufführte, und blieb an der Gartenpforte
stehen. Da stand das Haus, komfortabel und stolz, sogar in der Nacht.
Es war sicher das schönste Anwesen auf der Insel, mit seinem großen Obstgarten, seiner
Blumenpracht und seinen großen Fenstern, die auf den Fluss gingen. Während der schönen
Sommertage war es sehr angenehm: so nah am Wasser und mit der Laube, in der wir unsere
Mahlzeiten einnehmen konnten. Jedoch hatte ich es in den letzten drei Jahren ziemlich satt
bekommen und sehnte mich oft nach einer einfachen Hütte ohne Zentralheizung, Telefon und
fließend Wasser, wo ich mich ganz zu Hause fühlen könnte.
Ich öffnete die kleine Gartenpforte und stieg die rustikale Zementtreppe, die aussah, als wäre sie
aus Holz, weiter hinauf. Die Darwinrosen verströmten nutzlose Duftwolken in die Nacht, und auf
dem höchsten Ast der drei Rotbuchen schrie ein Käuzchen Huuu ... huuu ..., wie um einen Fremden
abzuwehren.
Vom Grund meiner Tasche wühlte ich meine Schlüssel hervor und schloss auf.
Mir war kalt, und ich war einer erneuten Ohnmacht nahe. Ich durchquerte die geflieste
Eingangshalle und gelangte in die Küche, wo ich schließlich auf einem Hocker zusammenbrach.
Ich war am Ende meiner Kräfte und fühlte mich so alleine wie nie zuvor. Ich hätte weinen mögen:
Ich dachte an jene simpel gestrickten Wesen, denen die Ehefrau eine Gefährtin in guten und in
schlechten Tagen ist. Bei mir lagen die Dinge anders. Ich hatte eine sehr schöne, reiche und
gebildete Frau, die mich »mein Freund« nannte und sich mir nicht verweigerte, wenn mir der Sinn
nach ihr stand, aber die mir so fremd war wie ein Wesen von einem anderen Stern.
Im Küchenschrank fanden sich nicht viele starke Spirituosen. Ich fand gerade mal einen Rest
Maraschino, der mir eher widerstand, den ich aber direkt aus der Flasche trank.
Als ich ihn auf den Tisch stellen wollte, glitt er mir aus der Hand und zersplitterte auf den Fliesen.
Ich verharrte einen Augenblick, unfähig, mich zu rühren, aber nichts regte sich im Haus. Daher
ging ich zurück in die Eingangshalle und begann die Holztreppe hinaufzusteigen, die zu den
Schlafzimmern führte.
Just in diesem Moment erschien Jacqueline auf dem Treppenabsatz der ersten Etage.
Ich musste zweimal Anlauf nehmen, bevor ich einen Ton herausbrachte. Ich war stehen geblieben,
klammerte mich am Geländer fest und sah sie an. In ihrem grünen Hausmantel war sie sehr schön.
Sie schien frisch und ausgeruht, mir entrückt, wie in einem Universum der Ruhe und der
Schönheit.
»Was ist mit dir?«, fragte sie mich schließlich.
Sie war sanft wie immer. Sie musste bemerkt haben, dass ich blutüberströmt war, denn ihr
freundlicher Blick nahm einen besorgten Ausdruck an.
»Ist dir etwas zugestoßen?«
»Ich bin verletzt«, sagte ich. »Ruf aber nicht den Doktor an!«
Sie kam einige Stufen herunter, auf mich zu, wagte es jedoch nicht, mich zu berühren.
»Was geht hier vor, André? Du machst mir Angst!«
»Hilf mir. Ich habe Blut verloren.«
Sie betrachtete mich nun aufmerksamer. Ihr Blick blieb an meinen Händen haften.
»Nicht dort oben«, gab sie zurück. »Wir machen sonst alles schmutzig.«
Sie half mir die Treppe wieder hinunter und führte mich in die Küche. Sie hatte sich ganz in der
Gewalt, war vielleicht nur etwas blasser als sonst. Sie half mir auf den Hocker und schob die
zerbrochene Flasche beiseite. Dann verschwand sie einen Augenblick und kehrte mit dem
Apothekerköfferchen zurück.
Ich war wahrscheinlich auf einen Pfahl oder einen Stein gefallen, an dem ich mir die rechte Flanke
tief aufgeschürft hatte. Jacqueline öffnete mir das Hemd und säuberte rasch die Wunde mit Äther.
Ich hätte am liebsten aufgeschrien. Ich schnappte ihr Handgelenk und drückte mit aller Kraft zu.
Ich sah, wie sich ihr Gesicht leicht verzerrte und ihre Augen sich mit Tränen füllten, aber sie sagte
kein Wort.
Sie warf die blutgetränkten Wattebäusche auf die Fliesen, dann säuberte sie weiter sorgfältig die
Wunde.
»Du musst Schmerzen haben«, sagte sie. »So kannst du nicht bleiben. Darf ich erfahren, aus
welchem Grund ich den Doktor nicht verständigen soll?«
»Man wollte mich töten! Ich will nicht, dass man erfährt, dass ich am Leben geblieben bin. Nicht
jetzt!«
Sie wirkte plötzlich sehr jung, ihr Gesicht war das eines erstaunten kleinen Mädchens. Ich sah ihre
Hände zittern, und plötzlich wirkte sie zugänglicher auf mich, etwas weniger perfekt und
übermenschlich. Ich zog sie an mich und fing, den Kopf an ihrem Busen, zu weinen an.
»Dich umbringen, weshalb?«, fragte sie, während sie mir den Kopf streichelte. »Etwa ein Streit in
der Kneipe?«
Ich hätte ihr so gern alles erzählt und spürte doch, dass ich es nicht konnte. Etwas hielt mich
zurück, etwas, das stärker war als ich, eine Art dumpfes, unbewusstes Misstrauen, das mich dazu
brachte, sie immer noch als Feind zu sehen, sogar in jenen Momenten, in denen sie sich mir
hingab.
Auf mein Schweigen hin rückte sie ein Stück von mir ab.
»Sprechen wir nicht mehr davon. Ich werde also nicht den Doktor rufen.«
»Hör mir zu, Jacqueline. Heute Nacht geschehen viele Dinge, die ich nicht verstehe. Morgen früh
wird man dir berichten, dass ein Schiffer getötet worden ist. Danach wurde ich
zusammengeschlagen, aus Gründen, die mir unbekannt sind. Ich bin ebenfalls überzeugt, dass man
am Damm einen Kahn mit einer Ladung ungelöschtem Kalk versenkt hat.«
Jacqueline hatte wieder den Gesichtsausdruck eines klei-nen Mädchens, das von den Ereignissen
überrollt wird. « S. 32-36
3.) Aus Solidarität mit Coutre, beschließen die Schleusenarbeiter zu streiken. Sie treffen
sich im Wirtshaus Meunier. Dédé ist trotz seiner Verletzung dabei.
» Die etwas schwüle Nachtluft tat mir wohl, aber ich spürte den zähen Schweiß, den Kranke
ausschwitzen, auf meiner Haut, und meine Beine zitterten beim Gehen. Ich war richtiggehend froh,
zu Meunier zu kommen und alte Freunde treffen zu können.
Yvonne stieg die beiden Stufen hinauf und öffnete die Tür.
Vor uns lag ein einziger großer Raum: Unter einem Holzbalken, von dem Würste und ganze
Schinken hingen, stand die Theke. Diese diente zugleich als Ladentisch für den angegliederten
Gemischtwarenladen. Eine Wand war komplett mit Regalfächern bedeckt, in denen alles zu finden
war, woran man im Schiffsverkehr Bedarf hatte, von der Briefmarke bis zur Frühkartoffel, von der
Sandale bis zum Hochglanzmagazin. Auf der anderen Seite standen Tische und Stühle und
normalerweise eine ganze Traube Schreihälse, die rauchten, soffen und auf die Tische hauten.
An diesem Abend hätte nicht einmal mehr eine halbe Pobacke auf die Eichenbänke gepasst. Aber
es herrschte die gezwungene und würdevolle Ruhe, die für eine Versammlung typisch ist. – Der
Kerl, der gerade am Reden war, un-terbrach seine Rede, als er uns hereintreten sah, und die
versammelte Mannschaft drehte sich zu uns um.
»Na sieh mal, da sind sie ja, da ist ja auch der Heimkehrer!«
Unsere Kollegen von der Schleuse hatten sich erhoben, um uns die Hand zu geben. Die Schiffer
hielten sich eher zurück und beobachteten uns mit verschwörerischem Ernst. Andere entdeckten,
dass Lucien verwundet war und machten ihm Platz, damit er sich einen Doppelten hinter die Binde
kippen konnte. Ich saß plötzlich auch vor einem Gläschen, eingehüllt vom allgemeinen
Wohlwollen und beinahe am Losheulen, wie ein Kleinkind, das Mutters Rockzipfel
wiedergefunden hatte. Die ganzen alten Kumpel, ich war ehrlich froh, all ihre guten Gesichter
wiederzusehen.
»Du alter Hurensohn!«, rief der dicke Robert, »pennt seelenruhig, während unsereiner sich die
letzten grauen Zellen blutig denkt!«
»Ist Karneval?«, fragte Soulas grinsend, »Geht dein Wecker nach?«
Und alle wollten sie mir auf die Schulter klopfen und den Bauch tätscheln, wie das alte Freunde so
machen.
»Wir haben geglaubt, du bist tot!«
Als ich ihnen sagte, dass ich verletzt war, hätten sie mir fast nicht geglaubt. Ich musste erst mein
Schlafanzugoberteil aufmachen und ihnen meinen Verband präsentieren. Dann beguckten sie sich
Luciens Schädel und begannen zu pfeifen. Nun hatte keiner mehr Lust zu scherzen.
Ich war schwach auf den Beinen. Der Schweiß brach mir aus, und ich hatte nicht die Kraft, große
Worte zu machen. Sie drängten mich jedoch und verlangten Erklärungen. Ich roch wieder den
altbekannten Geruch, der so typisch für Meunier war: Pommes frites, von billigem Wein verklebte
Tische und alter Kippenrauch.
»Ich bin gestern Abend von irgendwelchen Typen zusammengeschlagen worden. Das ist alles, was
ich weiß!« S. 56/57
4.) Dédé erzählt seinem Kumpel Lucien, dass er, seit er seine glanzvolle
Soldatenuniform abgelegt hat, von der Familie seiner Frau nicht mehr geachtet wird:
Es ist nur einfach so, dass ich, als ich von dort zurückgekehrt bin, meine Uniform abgelegt und
meine Auszeichnungen im Schrank verstaut habe, meinen Heiligenschein völlig verloren habe. Ich
bin wieder zu dem armen Jungen geworden, der Arbeit sucht und der, um seine Würde zu wahren,
die Angebote der Familie Duchemin abschlug.«
»Du bist ganz schön empfindlich!«
»Das mag schon sein! Irgendwann werde ich dir das im Detail erzählen und du wirst mir recht
geben. Wie dem auch sei, Jacqueline hat sich seitdem völlig von ihrem kleinen Hilfsarbeiter
abgewandt. Sie steht zu ihrem Wort; hat ein ausgeprägtes Pflichtgefühl; wir haben eine Art Vertrag
geschlossen. Sie hat nicht versucht, ihre Freiheit wiederzuerlangen.« S.96
» Die Schmerzen im Bauch setzten wieder ein. Ich war sicher bleich wie eine Leiche, mein
Schweiß würde sicher schon bald dieselbe klebrige Konsistenz haben wie der Schleim, der
Grégoire von den Haaren tropfte. Es galt vielleicht einen Kampf auszutragen, aber ich war kraftlos
wie das welke Blatt einer Platane, das vom Novemberwind heruntergeweht wird.
Ich wurde nicht gerade ohnmächtig, da ich nicht umfiel, aber einen Moment lang machte ich eine
Reise in das Land der Glocken und Glockenschläge, in das Reich der Geschlagenen. Ich lehnte mit
dem Rücken gegen die Mauer und musste ganz schön unglücklich aussehen.
Jacqueline kam und sagte mir einige Worte. Es kam mir so vor, als blieben sie in der Luft vor mir
stehen. Dann kam auch Pigeon zu mir, schüttelte mich ein wenig und meinte, ich solle mich besser
hinlegen.
Das schien mir sehr vernünftig, und die ganze jämmerliche Geschichte mit der Hématite war mir
auf einmal so fern, als hätte sie sich auf einem Rübenfeld auf dem Planeten Neptun abgespielt.
Ich wusste nicht, wie sie hergekommen waren: Plötzlich stand Lucien da und schüttelte mir die
Hand, Yvonne lächelte mir zu.
Alles erschien jetzt wie in einem Albtraum: Ihre Gesichter hatten eine elfenbeingelbe Farbe
angenommen; ihre Stimmen waren nur als undeutliches Rauschen wahrzunehmen, wie die Wellen
einer Dünung, dann hörte ich plötzlich Sätze so klar und deutlich wie in einem Aufnahmestudio.
[…]
Aber mir war immer noch ganz schwarz vor Augen und mitten in diesem Kohlrabenschwarz
befand sich ein Diamant: ein kleiner Rest klaren Bewusstseins, der die Dichte eines Edelsteins
angenommen hatte. Da dachte ich mir, dass das Leben eines Einzelnen schon an sich eine
gewaltige und komplizierte Angelegenheit sei; das Leben eines Paares die Grenzen der
menschlichen Auffassungsgabe übersteige; das Leben einer Gruppe aber sich über jegliche Art von
Gesetz und Logik hinwegsetze. Nur Dummköpfe behaupten, alles verstehen zu können.
Es gab eine Menge Dinge, die ich nie verstehen würde; das stand schon einmal fest: Niemals
würde ich erfahren, was wirklich an der Schleuse geschehen war; wahrscheinlich eine
Familienangelegenheit, die Yvonne Meunier und die Coutres betraf. – Niemals würde ich erfahren,
was es wirklich mit dem Kompressor der Hématite auf sich hatte; das spielte sich auf politischer
Ebene zwischen den Dienststellen ab. – Und niemals würde auch nur irgendjemand erfahren, was
genau sich in der Familie Duchemin-Lenoir abgespielt hatte. –
So wars! Jeder stützte jeden wie die Blinden im Märchen. Wenn einer in die Grube fiele, dann
würde er alle anderen mit sich reißen.
War tatsächlich ich es, der all das dachte?«