1.) Julien Lenfant ist bei einem Beutezug angeschossen worden. Sein Bruder, der Arzt André, versucht seine
Frau Yvonne von den Gefahren ihres ungewöhnlichen Berufes zu überzeugen:
»Mein Gott!«, sagte André plötzlich. »Ihr habt alles, was man braucht, um glücklich zu sein. Ihr habt
Arbeit, ein Haus, ihr seid gesund… Wenn ihr es wenigstens nötig hättet. Aber nein!«
»Versuchen Sie erst gar nicht, das zu verstehen, André.«
»Ach, das hab ich schon vor zwanzig Jahren aufgegeben. Wo ist die Kleine?«
Yvonne zögerte, dann sagte sie, als bedauerte sie das:
»Genau deswegen frag ich. Wo ist sie?«
Er wurde ungeduldig, da er ihr alle Wörter wie Würmer aus der Nase ziehen musste, und schlug wieder
einen Ton resignierter Gleichgültigkeit an.
»Na ja, egal, lassen wir das! Rufen Sie mich heute Abend an, dann werden mir die Ergebnisse der Analysen
vorliegen. Berühren Sie die Wundklammern die nächsten acht Tage nicht. Es tut mir wirklich
außerordentlich Leid, meine arme Yvonne.«
»Sie sind ein feiner Kerl«, sagte sie.
Sie begann zu weinen. Er tat so, als sähe er sie nicht, und schaute auf die Seine hinaus, die in zehn Metern
Entfernung vorbeifloss.
Er kannte die Stelle, wo immer die Angler saßen und das Boot lag, das wie das Haus Ma Jolie hieß. Auf der
anderen Seite des Flusses war ein großes, bereits abgeerntetes Weizenfeld zu sehen. Vor der Flanke des
Waldes von Saint-Germain stiegen an diesem überaus warmen Morgen Hitzeschlieren auf.
»Wo ist es passiert? … Sagen Sie mir bloß nicht, dass Sie das nicht wissen.«
»Am anderen Ende von Paris.«
»Bei Corbeil, in einer Wohnsiedlung.«
Sie begriff im ersten Moment nicht gleich, was er damit meinte, doch dann zuckte sie mit den Schultern.
»Nein, kein Zufall. Ich hab vorgestern eine kleine Erkundungstour gemacht.«
»Ich verstehe! Immer sind Sie die Anstifterin.«
»Das kann man so nicht sagen, André. Wir beschließen gemeinsam, ans Werk zu gehen. Aber einer muss
sich ja schließlich vor Ort umsehen. Ich nehm die Ente, schau mich ein wenig um. – Doch wozu erzähl ich
Ihnen das eigentlich alles.«
Doktor Lenfant hob die Arme.
»Meine Familie«, sagte er wie niedergeschlagen. »Meine Familie! Aber verdammt noch mal! Ist Ihnen denn
klar, dass Sie eine Kriminelle sind?«
»So nennen die Leute das wohl«, sagte sie fast gleichgültig.
Dann begriff sie plötzlich, dass es ihrem Schwager nicht darauf ankam, sie in eine strafrechtliche Kategorie
einzuordnen, sondern dass er sie beschuldigte, ihren Mann in den Tod geschickt zu haben.
»Nein! So ist das nicht!«, entgegnete sie entrüstet. »Nein, André, das dürfen Sie nicht sagen!«
Sie legte die beiden Handflächen fest aufeinander und hielt sie hoch.
»So sind wir beiden, Julien und ich! Und vielleicht eben gerade deswegen!«, sagte sie mit ernster,
aufrichtiger Stimme.
»Nennen Sie das, wie Sie wollen, André. Für uns ist das Leben gerade deshalb lebenswert!«
Ganz aufgeregt nahm sie den kleinen Silberlöffel, der noch immer auf dem Tisch lag, und ließ ihn von
ziemlich weit oben auf den Tisch fallen. Er traf mit einem dumpfen Ge-räusch auf dem moltonbeschichteten
Wachstuch auf. Eigentlich hatte sie einen reinen Ton erwartet.
»Unser Leben ist erfüllt, rein! Julien, ich, die Kleine – das klingt rein! Wir sind keine Dutzendexistenzen,
verstehen Sie? Wir auf der einen Seite, die Welt auf der anderen: Das heißt rein sein!«
Was sie da sagte, klang unzusammenhängend, doch ihr Schwager verstand sie sehr gut. Er wusste, dass es
nichts bringen würde, mit ihr zu diskutieren. Er stellte seine Tasse wieder auf den Tisch, ein leicht bitterer
Zug umspielte seine Lippen.
»Ich dagegen bin unrein. Die Welt braucht mich, ich geh in die Welt!«
»Weil Sie Ihre eigenen, handfesten Interessen haben!«, warf sie ihm kampflustig entgegen. Doch sogleich
riss sie sich wieder zusammen.
»Tut mir Leid, André. Sie sind ein feiner Kerl. Und glauben Sie mir, auch Julien ist wirklich ein guter Kerl.
– Und ich bin vielleicht auch kein so schlechter Mensch, wie Sie denken.«
»Wer hat denn behauptet, dass Sie ein schlechter Mensch sind? Hören Sie mir einmal gut zu, Yvonne. Ich
hab seit Jahren auf Moralpredigten verzichtet. Sie sind ja schließlich schon alt genug. Eigentlich müssten
Sie wissen, was Sie tun. Doch letzte Nacht hat jemand auf Julien geschossen, hat versucht, ihn wie einen
räudigen Hund zur Strecke zu bringen. Ist das deutlich genug?«
»Schon möglich, dass ihr Geschmack am Risiko findet, dass euch das ein angenehmes Kribbeln in der
Magengrube verschafft, doch zu diesem Preis ist das der helle Wahnsinn. Julien ist mein Bruder. Er ist der
Vater von Solange. Ich werd mich davor hüten, den Moralapostel zu spielen. Ich spreche jetzt als Arzt. Mit
seinen vierzig Jahren sollte Julien nicht mehr den Akrobaten mimen. Umso weniger nach diesem Unfall, der
sicherlich nicht folgenlos an ihm vorübergehen wird.«
Obwohl Doktor André Lenfant ein wenig größer war als sein Bruder, maß er kaum mehr als einen Meter
fünfundsechzig. Die Lenfants gehörten jenem kleinen, ganz unver-fälschten Menschenschlag an, dessen
Vertreter schlank, agil und kräftig sind, zähe Muskeln haben und einen wachen Verstand. Der Stammbaum
der Familie verlor sich im Dunkel der Zeiten; er umfasste bereits fünfzig Generationen, allesamt gesunde
Menschen. Die ersten Lenfants waren Flussschiffer gewesen, in Le Lendit, in Le Valfleuri, in Bercy, in La
Maube, in Bougival oder in Poissy, niemals weiter als fünfhundert Meter von der Seine entfernt. Nach und
nach waren sie in die Vororte abgedrängt worden. Überall und insbesondere auch in Paris sind so die
Bewohner der Vororte die einzig wahren Ureinwohner.
André konnte – gewiss aus einem Mangel an Imponiergehabe heraus – schwer feierlich sein, oder
zumindest nicht lange. Mit dem Fuß zog er nun einen Hocker unter dem Tisch hervor und setzte sich.
Sogleich schlug er einen vertraulicheren Ton an.
»Ich werd es ein andermal überprüfen, von Corbeil nach Poissy sind es jedenfalls leicht hundert Kilometer.
In seinem jetzigen Zustand – und ich weiß, wovon ich spreche – war es für Julien unmöglich, alleine hierher
zurückzukommen.«
»Er hatte die Ente.«
»Und wo ist der Wagen jetzt?«
»Ich weiß nicht… in der Garage.«
»Ist er nicht! Bevor ich über die Schleuse gekommen bin, habe ich meinen Wagen vor der geschlossenen
Garage abgestellt. Sie war leer, und auch in der Umgebung war das Auto nirgends zu sehen. Yvonne, ich
führe hier keine polizeiliche Untersuchung durch, ich will euch helfen. Julien hat gut einen Liter Blut
verloren, und er war ziemlich lange bewusstlos. Wer hat ihn hierher zurückgebracht? Sie?«
»Nein.«
»Wer dann?«
»Keine Ahnung.«
»Ein Komplize?«
»Nein. Das ganz sicher nicht.«
»Ich verstehe!«, sagte er in einem scherzhaften Ton. »Das berühmte Gesetz des Schweigens regiert die
Unterwelt.« »Eben deswegen, weil wir keine Komplizen haben, gehören wir nicht zur Unterwelt!«
Sie sprachen in einem ganz normalen Unterhaltungston. Man konnte spüren, dass sie sich gegenseitig
schätzten, allen Meinungsverschiedenheiten zum Trotz.
2.) Julien und Michel unternehmen einen Einbruch. Michels grobes Verhalten gefällt Julien nicht.
Er ruft ihn zur Ordnung und erklärt ihm seinen Kodex:
Im Zimmer lag ein roter Teppichboden. Über einer großen Anrichte im Stil Louis XVI zog ein imposantes
ovales Gemälde die Blicke auf sich: eine über und über mit Schleifchen verzierte Marquise mit rosigen
Wangen und feucht glitzernden Augen.
Julien stürzte sich darauf, drehte es um und stellte es auf die Kommode.
»Ist das ein Meisterwerk?«
»Nein«, sagte Lenfant. »Nur eine billige Fälschung. Aber der Rahmen ist schön.«
Er untersuchte zwei kleine Lampen mit Kupferschirmchen und einen Becher aus rotem Glas.
»Der kommt aus Murano; dafür gibt es Liebhaber.«
Er blieb unter dem aufwendig verzierten Kristallkronleuchter stehen, der ein wenig zu protzig für das
Zimmer wirkte.
»Der hier auch, der ist gut.«
»Aber den werden wir ja wohl nicht mitnehmen?«, fragte Michel irritiert.
»Warum denn nicht? Man kann alles abmontieren und einpacken, mein Guter. Such mal nach Papier, damit
wir unsere Bündel schnüren können.«
Der kleine Mann schien vollkommen glücklich, von Ängstlichkeit keine Spur. Er stöberte überall herum,
öffnete die Schubladen und holte verschiedene Gegenstände hervor. Er fand einen Heizlüfter und schaltete
ihn ein. Wohlige Wärme breitete sich aus.
Als wäre er bei sich zu Hause, zog er den nassen Regenmantel aus und hängte ihn über die Lehne eines
Mahagonistuhls – nicht ohne diesen zuvor in Augenschein genommen zu haben.
»Weißt du, als Yvonne und ich damit angefangen haben, haben wir nicht auf Kleinigkeiten geachtet.
Ratzfatz haben wir alles ausgeräumt. Ich hab damals bei einem Karosseriebauer gearbeitet. Da hab ich mir
einen Lieferwagen ausgeliehen und bin ganz dreist ans Werk gegangen. Stühle, Tische, Kommoden,
Schränke, in ganz großem Stil. Wir hatten solche Muckis! Inzwischen bin ich, wie du siehst, sehr
wählerisch geworden.«
In der Anrichte, die sicher nicht wirklich aus der Zeit von Louis XVI stammte, tauchte hinter einer der
Türen eine kleine Hausbar auf. Julien nahm Gläser und eine Flasche Cognac heraus.
»Na gut«, sagte Michel. »Langsam wird mir das hier sympathisch.«
Es gab auch Zigarren. Michel zündete sich eine an und machte es sich damit in einem Sessel bequem, die
Füße auf der Heizung.
»Kommt nicht in Frage!«, rief der kleine Mann. »Wir sind hier zum Arbeiten, mein Lieber. Du wirst mir den
Kronleuchter abmontieren und die Gläser zu kleinen Päckchen einwickeln.«
Der junge Mann schälte sich aus den nassen Sachen. Er wollte mit seinen verdreckten Socken direkt auf den
Tisch steigen, aber Julien hielt ihn zurück.
»Mach hier keine Sauerei und keine Unordnung! Ich werd dir mal was sagen: Wir bestehlen die Leute –
gegen Diebstahl kann man sich versichern lassen. Aber wir demütigen sie nicht, weil man sich gegen
Demütigung nicht versichern lassen kann. Kapierst du das?«
»Nenn es, wie du willst. Ich weiß, es gibt gewisse Traditionen: Alles einsauen, dann auch noch auf den
Teppich scheißen und den Haufen abdecken, damit er nicht abkühlt. Das soll angeblich Glück bringen! Das
ist die Tradition der Unterwelt. Aber ich sag es dir hiermit ein für alle Mal, wir sind Handwerker, wir haben
Freude an korrekter Arbeit. Gauner kann ich nicht ausstehen! Ist dir der Unterschied klar?«
Darauf gäbe es so einiges zu antworten, aber der kleine Mann machte einen derartig zufriedenen Eindruck
und schien sich seiner Sache so sicher zu sein.
»Wenn du mit dir selbst im Reinen bist…«
»Bist du das vielleicht nicht?«
»Machen wir uns doch nichts vor. Immerhin bestehlen wir die Leute ja, oder etwa nicht?«
»Aber wir beschmutzen nichts!«, beharrte Julien. »Wir nehmen ihnen Gegenstände weg, aber nicht ihre
Würde, verstehst du?«
Genießerisch trank er einen Schluck Cognac. Er hatte rote Backen, seine Haare wuchsen langsam nach, aber
er war noch immer fast kahl. Sein Gesicht war sonnenverbrannt, die Augen sehr lebhaft; auf einmal war er
kaum älter als Michels Freunde, man sah ihm sein Alter nicht mehr an.
Michel hatte Zeitungen auf dem Tisch ausgebreitet. Er begann, den Kronleuchter abzumontieren. Der kleine
Mann rieb sich vor Freude die Hände.
»Findest du das so nicht besser? Weißt du, das Schöne an dem Beruf ist doch, dass wir die einzigen
Menschen auf der Welt sind, die sich einfach so bei fremden Leuten einnisten können. Na gut, wir klauen.
Aber wir schänden nicht. Wir sind ihnen dankbar! Wegen diesem Beruf gibt es nicht nur einen Julien
Lenfant, sondern tausende. Jedes Mal nehme ich eine ganze Existenz in Kurzfassung mit, kapierst du das?
Ich hätte hier wohnen können, ich hätte dies und das haben können. Alle anderen träumen davon, und ich
mach es wirklich! So musst du das sehen. Verstehst du, was ich meine?«
Michel verstand vor allem, dass er da unten einen aufgeweckten und sehr lebendigen Mann vor sich stehen
hatte.
Vielleicht war die Kunst des Einbrechens ja ein bloßer Vorwand für eine zutiefst menschliche
Kontaktaufnahme? Nicht durch die Sprache, die dazu da ist, die Dinge zu verschleiern, sondern durch die
Aura, all das, was die Gegenstände an Ewigkeit in sich einschließen, durch bestimmte Vorlieben und
Übereinstimmungen.
Wer mochte hier wohl wohnen? Michel hatte nicht die geringste Ahnung. Irgendwelche Leute, die gerade
im Urlaub waren und bei ihrer Rückkehr eine kleine Enttäuschung erleben würden. Leute, die im Warmen
lebten, Mitmenschen, keine Feinde.
Er folgte Julien in die Küche, dann nach oben in die Schlafzimmer. Das Haus war jetzt vollständig
erleuchtet. Der kleine Mann war der glückliche Eigentümer.
»Hier kann man sich vorstellen zu wohnen, oder?«
Teppichboden, Tennisschläger über Kreuz an der Wand, möglichst warme Farben, schwedische Regale:
Alles zusammen wirkte ziemlich unpersönlich, wie aus dem Versandkatalog. Eine vollkommen
durchschnittliche Familie, deren Namen sie schließlich auf einem Briefumschlag lasen: Le Guillec – ein
bretonischer Name. Es waren auch Fotos von ihnen zu sehen, zumindest welche von den Kindern mit
Skimützen.
Sie hatten alle Überzüge eingesammelt, um darin ihre Beute einzupacken. Julien testete die Toilette, auch
die Wasserspülung.
Es gab eine Badewanne und einen Boiler. Leider hatten sie nicht die Zeit, acht Stunden lang auf warmes
Wasser zu warten. Aber Julien genoss den Anblick und ließ sich alle Zeit der Welt.
»Wir haben das mal gemacht, Yvonne und ich. Das war in Sceaux. Wir haben ein Bad genommen und uns
geliebt. Das vergessen wir nie!«
»Du hast ja wohl überhaupt keine Skrupel!«
»Ich übertreib es nie. Man muss es nur machen wie die Katzen, und sich immer einen Ausgang offen halten.
Du wirst merken, dass ich das Küchenfenster offen stehen lassen habe. Und ich weiß, dass der hintere Teil
des Gartens frei ist und an eine andere Straße grenzt.«
»Aber gibt es denn nie Nachtwächter oder eine Alarmanlage?«
Julien schnaubte skeptisch.
»Ich weiß, so was gibt es. Aber das spürt man. Das ist eins von Yvonnes Talenten. Leute wie die hier haben
eine Diebstahlversicherung, mehr nicht. So erleben sie nur ein kleines, harmloses Abenteuer.«
Julien ging hierhin und dorthin, packte verschiedene kleine Gegenstände ein. Michel drehte an den Knöpfen
eines kleinen Transistorradios, das er aus dem Kinderzimmer geholt hatte, es war aber außerhalb der
Sendezeit.
»Weißt du«, sagte Julien, »der Kronleuchter und die Glassachen sind ihnen im Grunde überhaupt nicht
wichtig. Aber das Radio der Kinder, das ist so was, was wirklich weh tut.«
»Ich fang gleich an zu weinen!«
Bei einem modernen Service, blau mit Goldverzierungen, zögerte Julien. Es war schwer und sperrig.
Ganz hinten im Buffet entdeckte er eine schöne Scheußlichkeit, eine Art alte Zuckerdose aus ziseliertem
Silber. Er machte eine verzückte Miene.
Er setzte seine Brille auf und sah sie sich näher an.
»Ich kenn nicht alle Prägestempel ganz genau, aber ich hab da eine Vermutung… Ich schätze sie so auf
1720.«
»Natürlich nicht, Blödmann. Aus dem Jahr 1720, der Zeit der Régence. Der Prägestempel ist von Etienne de
Bouges, er war damals Pächter der Markenrechte.«
In der Dose lagen ein paar trockene Kekse.
»Das heißt, mein Langer, das ist ein Treffer!«
»Kommt darauf an. Für Le Guillec ist sie bestimmt keinen Pfifferling wert, aber für so manchen Liebhaber
ist sie unbezahlbar. Das ist noch so ein Aspekt unseres Berufs; man versucht, anderen Leuten eine Freude zu
machen. Verstehst du?«
»Verstehe. So gesehen ist es ja wirklich ein missionarischer Auftrag! Wir schaffen ihnen überflüssigen
Krempel vom Hals. Kannst du mir mal erklären, wieso du Sattler bist und dein Bruderherz Arzt?«
»Ich muss eben mit meinen Händen arbeiten! Und außerdem bin ich einfach ein kleiner Revoluzzer. In der
Schule hatte ich nichts verloren. Weißt du, Yvonne hat mir die Augen geöffnet. Wir, die Lenfants, waren
Kleinbürger. Yvonnes Eltern, das waren richtige Ganoven. Sie hat dem die gute Seite abgewonnen.«
»Hat sie dich eingeführt?«
»So würde ich es nicht nennen. Wir haben zusammen bei Null angefangen. Vorher hatte sie die Taktik mit
der Perle.«
»Sie hat mit Schmuck gearbeitet?«
»Nein, als Perle, als Dienstmädchen. Sie blieb vier Tage im richtigen Laden, dann hat sie sich mit den
Sachen aus dem Staub gemacht. Es würde zu lang dauern, dir das jetzt alles zu erklären. Sie hat das auch bei
uns gemacht, und dann hab ich sie wiedergetroffen, so war das! Und ich hab begriffen, dass sie mehr wert
war als all die guten Bürger, bei denen sie arbeitete.«
»Verachte das nicht, mein Guter. Ob du es wahrhaben willst oder nicht, das ist ein Beruf wie jeder andere.
Wir sind nicht schlimmer als die Steuereintreiber, oder?«
»Natürlich nicht. Aber wenn alle damit anfangen würden…«
»Das ist es eben, mein Lieber, nicht jeder kann das!«
Julien hatte eine ganz bestimmte Verpackungstechnik. Er hatte im Wohnzimmer alle ausgewählten
Gegenstände aufgereiht. Im Rest des Hauses hatten sie die Lichter gelöscht. Von Zeit zu Zeit ging er zum
Küchenfenster, um nachzusehen, ob die Luft noch rein war. Oder er ging nach oben, in eines der jetzt
wieder stockdunklen Schlafzimmer, öffnete vorsichtig ein Fenster und spähte nach draußen.
Es goss immer noch in Strömen. Es war nichts zu hören außer dem Regen, der auf die Erde niederprasselte,
und auch nichts zu sehen außer den ziemlich weit entfernten Lichtern der Straßenlaternen und den schwach
in der Ferne leuchtenden Funzeln an der Baustelle.
Der lange Michel hatte inzwischen den Kronleuchter vollständig abmontiert. Für die Beleuchtung sorgte
jetzt eine Stehlampe und eine kleine Kupferlampe, die sie auch noch mitnehmen wollten. Es herrschte eine
gemütliche Atmosphäre.
Julien hatte sich neben dem Heizstrahler auf den Teppich gesetzt. Er nahm sich alle Zeit der Welt und
packte die Gläser sorgfältig ein, stopfte sie mit Papier aus und wickelte sie dann in die geschickt zu Taschen
gefalteten Überzüge. Er hatte sich Cognac nachgeschenkt, trank von Zeit zu Zeit einen Schluck, rauchte
auch eine Zigarre; er war die Ruhe in Person.
Dazwischen beobachtete er seinen Komplizen.
»Entspann dich, Kleiner!«
»Bist du nicht. Das ist wie beim Schwimmen, weißt du. Denk nicht daran, dass du untergehen könntest,
denk an deinen Stil.«
»Ich hab einfach den Eindruck, dass wir unnötig Zeit verlieren. Meinst du wirklich, es ist sinnvoll, das alles
so einzupacken?«
»Du hast die Einstellung eines Angestellten«, sagte Julien. »Du würdest einfach alles mitnehmen. Weißt du,
was es bedeutet, wenn man die Sachen verpackt? Man ergreift davon Besitz, man erfreut sich daran!«
»Die Teile sind mir egal«, sagte Michel. »Mich interessiert nur das, was dabei rausspringt. Ich bin modern.
Und, ich will dir ja nicht zu nahe treten, mein lieber Julien, aber ich kann nicht erkennen, wie wir, wenn wir
so weitermachen, viel Gewinn erzielen können. Der beschissene Kronleuchter hier, an dem bastel ich jetzt
schon eine halbe Stunde herum, wie viel bringt der uns ein?«
3.) Julien diskutiert mit seiner Tochter Solange über Michel
»Nein, nein!«, schrie Lenfant. »Die Sache sieht völlig anders aus, mein Kleines. Selbst wenn er es im Leben
zu etwas gebracht hätte, er ist und bleibt ein Pfuscher vor dem Herrn, dein lieber Michel! Er ist ein Soldat!
Wir sind einfache Zivilisten, verstehst du, die ein bisschen gewitzter und gewiefter als die anderen sind.
Man muss schließlich sehen, wo man bleibt. Das, was die da machen, ist dagegen Krieg! Raubüberfall,
Briefing, Plastiksprengstoff, Granaten und Maschinenpistolen. Mit einem ausgeklügelten Plan, genau
durchdachten Fluchtwegen, Berechnungen von Schusswinkeln, Feuerkraft, Verlustabschätzungen,
Evakuierung der Verletzten, Wiederbeschaffung von Material. Mit einem Chef, der alles weiß und
Befehlsempfängern, die nur wissen, wann sie wo sein müssen, um in welche Richtung wie viel Schüsse
abgeben zu können! Und das nennst du, bitteschön, Arbeit?«
»Das ist eben modern«, erklärte sie. »Schau Papa, ich möchte dir wirklich nicht wehtun, aber ich hör doch,
wie meine Freundinnen um mich rum reden. Mädchen sind halt mal so, die wollen keine kleinen
unscheinbaren Typen. Egal in welcher Branche. Heute zählt nur noch der Erfolg. Das ist überall so. Reg
dich nicht auf, Papa, so ist das Leben halt!«
»Ich reg mich ja gar nicht auf«, meinte Julien. »Anständige Arbeit zählt eben nicht mehr, das geb ich ja zu.
Es heißt: automatisieren oder krepieren. Ich dagegen sage: und krepieren. Das Ganze ist absolut
unmenschlich!«
Er wusch sich die Hände unter dem Wasserhahn in der Küche, während die Kleine anfing, das Gemüse zu
putzen. Seine Narbe am Kopf musste ständig kontrolliert werden, weshalb er seine Haare raspelkurz
geschnitten hatte; die anderen hatten sich immer noch nicht daran gewöhnt, dass sein Kopf damit völlig
verändert aussah. Irgendwie kleiner; wie ein kleiner, schrumpeliger Apfel. Auch wenn er das nicht zugab,
durch diesen Schuss war er gealtert, hatte sich sein Leben verändert. Außerdem hatte er jetzt einen Tick: Er
hielt alles unter die Nase, um daran zu riechen, seine frischgewaschenen Hände, das Besteck, das Buch, das
er gerade las, sogar seine Armbanduhr; er war mit einem Schlag wie ein Hund geworden, der an allem
herumschnüffelt. Sogar das Rauchen hatte er auf einmal aufgegeben. Mit vierzig Jahren kam ein längst
verschütteter Sinn wieder zu seinem Recht: der Geruchssinn.
»Ich bin vielleicht etwas altmodisch«, räumte er ein. »Ich bin für die herkömmliche Methode, weil alles
andere nur ein übler Scherz ist, von dem nur die reichen Geldsäcke und das Finanzamt profitieren. Aber ich
arbeite nachhaltig, ich führe keinen Krieg. Den jungen Leuten von heute werf ich vor, dass sie nicht mehr
wie Zivilisten denken, sondern nur noch wie Soldaten. Das ist fatal!«