Schreiben zwischen sozialer Realität und Utopie
Jean Amila
Krimi: »Bis nichts mehr geht«
CONTE Verlag, 2007.
Äpfel gibt es in Nomville, einem kleinen Dorf in der Normandie, mehr als genug. Die
Dorfbewohner brennen daraus Unmengen von Schnaps, den sie zum Teil völlig
selbstverständlich tagtäglich selbst konsumieren und zum Teil an Schmuggler aus Paris
verkaufen, die ihn mit Gewinnmaximierung weiterverkaufen.
Die junge Lehrerin Marie-Anne reist aus Paris an, um für ein Jahr an der katholischen
Mädchenschule des Ortes zu unterrichten. Sie stellt erschrocken fest, dass nicht nur der
freundliche Pfarrer, die autoritäre Direktorin Fräulein Dhozier und deren
Dienstmädchen dem Schnaps verfallen sind, sondern auch ihre Schülerinnen täglich ein
Fläschchen Kaffee mit Schnaps von ihren Eltern mit in die Schule bekommen. Mit
einer gehörigen Portion Idealismus sagt Marie-Anne dem Alkoholismus den Kampf an
und hat bald – von wenigen Ausnahmen abgesehen – die gesamte Dorfgemeinschaft
gegen sich aufgebracht.
Jean Amila erzählt in seinem Krimi »Bis nichts mehr geht« noch eine zweite
Geschichte: Der clevere Bauernsohn Pierre Soulage, der bislang zusammen mit seinem
Vater den Schnaps der Dorfbewohner an die Schmuggler aus Paris weiterverkaufte, will
hoch hinaus. Abenteuerlustig steigt er bei der Schmugglerbande als Fahrer mit ein. Die
militärischen Strukturen, die ihn an seine Zeit im Algerien-Krieg erinnern, faszinieren
ihn. Er mag einerseits die straffe Organisation und das Ausführen von Befehlen.
Andererseits ist er nicht auf den Kopf gefallen und versucht mit naiver Schlauheit das
Beste für sich herauszuholen. Er hintergeht seine Auftraggeber und bietet sich dem
Schnapshändler als Geschäftspartner an. Der jedoch verrät ihn und Pierre sieht sich
dem Zorn von Verbrechern gegenüber, die nicht zimperlich sind.
Beide Helden dieser Geschichte lassen sich mit Strukturen ein, deren Macht sie
unterschätzt haben. Bisweilen sind sie sehr einsam in sozialen Gefügen, dessen Codes
sie nicht verstehen. Pierre fühlt sich in Paris wie ein dummer Bauerntrottel und Marie-
Anne schürt es die Kehle zusammen, als sie den stummen, brutalen Zorn der
Dorfbewohner spürt.
Beide kämpfen mit Selbstzweifeln, erleben Rückschläge und bleiben doch mit
unerschütterlichem Optimismus sich selbst treu, sodass sie es schaffen, immer wieder
aufzustehen. 
Auch in diesem Krimi schimmert Amilas antimilitaristische Haltung durch. Der
Kleinhandel der groben normannischen Bauern steht dem straff organisierten
Großhandel der Pariser Schmuggler gegenüber. Das Vorgehen der Verbrecher ist kalt
und kalkuliert und Pierre stellt fest, dass ein Menschenleben mit Geld aufgewogen wird
und nicht mehr viel Wert ist.
Die verschiedenen sozialen Gruppen unterwerfen sich ihren Herren: sei es dem Alkohol
oder dem großen Geld. Einzelne Protagonisten versuchen, sich gegen diese Strukturen
aufzulehnen und treffen bestenfalls auf Unverständnis, schlimmstenfalls auf
Erniedrigung und körperliche Gewalt.
Die anderen auf deutsch erschienen Krimis: