Was ist ein Tapir?
"(…) Der Tapir steht da, (…) um Opfer in Vollkommenheit zu sein. «Schmerzens-Tier» könnte man ihn deshalb in gewollter Anspielung auf die Theologie des Neuen Testaments nennen. Der Tapir steht da, um den Schweißfliegen seine Ohrmuscheln zur Ablage ihrer Eier zu bieten, um das Abgefeimte des Fäkaliengeruchs wirksam zu unterstreichen, indem er sich nicht an ihm stört. (…) In einer Zeit wachsender Skepsis gegenüber dem darwinistischen Paradigma sollte man (…) den Tapir zumindest ansatzweise als Paradigma für das Prinzip eines «survival of the un-fittest» diskutieren. Obwohl er ein Nachttier ist, scheinen die Augen des Tapirs zurückentwickelt bis zu einem Grad, der an den Grottenolm erinnert. Während sich seine Existenz deshalb darin erfüllen sollte, den scharfzähnigen Raubkatzen, so gut er kann, zu entkommen, fällt es dem massigen Tapir der Wirklichkeit ungemein schwer, sich in die Blätter- und Baumbestände des Regenwaldes zu pressen. (…) Der Rüssel des Tapirs ist zu schwach, um ihn - wie einen Elefantenrüssel - für Bauarbeiten zu qualifizieren, und zu kurz, um sich - wie der Rüssel des Ameisenbärs - bei der Nahrungsaufnahme im flachen Wasser zu bewähren. Weil der Tapir bis heute in Zentralasien und im subäquatorialen Südamerika zu Hause ist, dürfen wir schließen, dass er, so wie er heute vor uns steht, ein unwahrscheinlicher Überlebender aus der Fauna von Gondwanaland ist. Nichts ist leichter (…) als die Jagd auf den Tapir. Es genügt zu wissen, dass Tapire keine Mühen und keinen Weg scheuen, wenn sie Salzgeruch in ihrer Witterung aufnehmen. Also muss der Pygmäe nur Salzpaste auf eine Baumrinde applizieren und kann dann gelassen auf das unausbleibliche Erscheinen des Tapirs warten, um ihn bald schon mit seiner Taschenlampe in einen Zustand des Stupors zu versetzen. Gekocht wie gegrillt sei Tapir-Fleisch, liest man, eine Delikatesse. (…)"
Auszüge aus Hans Ulrich Gumbrecht: Theologie des Tapirs, erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung am 9. April 2005, S.68, mit freundlicher Genehmigung von Professor Hans Ulrich Gumbrecht, Stanford, USA und nzz.ch.