Uwe Eduard Schmidt - Der Wald in Deutschland im 18. und 19. Jahrhundert

Uwe Eduard Schmidt
Der Wald in Deutschland im 18. und 19. Jahrhundert

"Nachhaltigkeit bringt eine ebenso einfache wie zwingende Weisheit zum Ausdruck, die aus der Forstwirtschaft stammt: Man soll nicht mehr Holz schlagen, als angepflanzt wird." Claus Leggewie, Frankfurter Rundschau, 24.08.02
Weltumspannende Verteilungskämpfe um Erdöl sind uns geläufig; in vielen Regionen der Erde gehen Waldfläche und Holzaufkommen dramatisch zurück. Wasser, "blaues Gold" der Zukunft, wird zur großen neuen Konfliktquelle des 21. Jahrhunderts.
Die aktuelle weltweite Ressourcenproblematik hatte ihre Vorläufer:
Während heute die deutschen Wälder nachhaltig bewirtschaftet werden, Waldfläche und Holzvorräte zunehmen, war der Wald in Deutschland im 18. u. 19. Jhdt. eine sich gebietsweise bedrohlich verknappende Ressource. Heftig wurde darum gekämpft, zwischen Staat und Bürger, Förster und Bauer. "Holzfrevel" aus blanker Not war an der Tagesordnung und wurde mit aller Härte verfolgt. Im kleinen Gefängnis des damals bayerischen Blieskastel verbüßten im Jahre 1836 nicht weniger als 362 männliche und 285 weibliche Personen Gefängnisstrafen wegen Forstfrevels, darunter nicht wenige Schulkinder. In den Jahren 1853/54 wurden allein im Kreis Saarbrücken 237 Schulkinder aus gleichem Grunde inhaftiert. Im Kampf um die Ressource Wald stürmte die Bevölkerung in erbitterten Auseinandersetzungen Forsthäuser und misshandelte Beamte, teilweise mit tödlichem Ausgang. Es gab demzufolge einen offenen, aber mit ungleichen Mitteln geführten Konflikt zwischen der ländlichen Bevölkerung und der Obrigkeit. In dem Buch wird u.a. untersucht:
- wie sich die damaligen Konflikte entwickelt haben
- wie die subjektive Wahrnehmung und welche die Leitmotive der Handelnden waren
- ob die Repressionen der Staatsgewalt unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit auch positive Seiten hatten.
Zur Beantwortung dieser und vieler anderer Fragen wertet die vorliegende Arbeit eine Fülle sozial-, wirtschafts- und mentalitätsgeschichtlicher Quellen aus. Damit liegt erstmals eine wissenschaftlich fundierte Darstellung der Waldverhältnisse des 18. u. 19. Jhdts. vor, die vor allem auf die konfliktbeladenen wechselseitigen Beziehungen zwischen ländlicher Bevölkerung und landesherrlicher Forstwirtschaft eingeht. Das geographische Forschungsfeld liegt zwar schwerpunktmäßig im linksrheinischen Raum; es wird aber durch Fallbeispiele anderer Regionen deutlich, dass die gewonnenen Erkenntnisse Allgemeingültigkeit beanspruchen können.
Der Leser bleibt jedoch nicht in der Betrachtung der Vergangenheit stehen. Vielmehr wird zum Nachdenken angeregt, ob die damaligen Strategien beim Umgang mit knappen Ressourcen auf vergleichbare heutige Probleme übertragbar sind oder ob es sinnvollere Lösungsbeiträge gibt - nicht zuletzt auch im Sinne von Rio+10, der großen UN-Konferenz zur nachhaltigen Entwicklung im Herbst 2002 in Johannesburg/Südafrika.
Wer weiß, woher er kommt, weiß auch, wohin er gehen soll.