Trauerrede von Peter Tiefenbrunner

Trauerrede von Peter Tiefenbrunner

Liebe Versammelte, liebe Marga, liebe Angehörige, liebe Freunde, Kollegen und Bekannte und – und ich hoffe und weiß, dass viele, ja wohl die meisten der eben Genannten das auch waren und sind: Liebe Leserinnen und Leser der Werke, der Hörspiele, Gedichte, Stücke , Romane und Erzählungen von Axel Herzog.

Ein großer Teil seines Lebens, seiner Kraft und seiner Energie, seiner Freude und seiner Gedanken galt ja doch bis beinahe zuletzt denen, die ihn lasen. Die seine Worte mit den Augen erfassen konnten, was ihm seit vielen Jahren schon unmöglich geworden war, und die seine Bilder, seine Sprache, seine Fantasien in ihren Köpfen zum Leben erweckten und immer noch erwecken. Denn das ist die Magie der Literatur, des Schreibens, die trotz aller Fernseh-, Radio- , MP3- und Videoflut immer noch nicht mehr und nicht weniger braucht als einen Autor oder eine Autorin, ein paar Blätter Papier und eine Leserin. Oder einen Leser. Und wenn alle ihre Aufgabe gut gemacht haben, funktioniert der Zauber zuverlässig. Immer und immer wieder.
Axel Herzog ist gestorben. Wir werden auf neue Zaubereien von ihm verzichten müssen. Wir werden auf ihn verzichten müssen. Wir müssen Abschied nehmen, unsere Wege scheiden sich, wir sind getrennt worden.
Unter den sehr berührenden Worten, die du, Marga, in der Traueranzeige gefunden hast, steht auch „Der Tod lässt nicht mit sich handeln“. Das ist natürlich wahr, wie jeder und jede von uns immer wieder und gerade auch heute - schmerzlich erfahren muss. Aber manchmal lässt er sich überlisten, ein wenig jedenfalls. Nicht so plump wie bei den Brüdern Grimm in ihrem alten Märchen vom „Gevatter Tod“, das ja letztendlich auch zum bösen Schluss kommt. Aber solange wir lesen können, was Axel geschrieben hat, solange wir seine Geschichten, seine Gedanken, seine Worte immer wieder zu dem berühmten „Film im Kopf“ machen, solange lachen wir mit Axel und weinen mit ihm, sind nachdenklich oder ausgelassen mit ihm, solange schlagen wir dem Tod, der ihn uns genommen hat,  auch immer wieder ein Schnippchen. Ein wenig jedenfalls.  
Axel ist 1944 in Bad Bergzabern geboren, aber schon kurz nach seiner Geburt ins Saarland gekommen, das er immer als seine Heimat empfunden hat. Hier hat er die Schule besucht und dann schließlich im Jahr 1962 das Abitur gemacht. Was als Kind damals schon in seinem Kopf rumorte an Vorstellungen, an Hoffnungen, an Bildern für das vor ihm liegende Leben, das hat Axel 1988 im Vorwort zu seinem Buch „Aus Liebe zu Dudweiler“  beschrieben.
Als Kind wollte ich gerne Seebär werden. Oder Tanzbär. Vielleicht sogar  Salonlöwe. Auf jeden Fall irgendetwas, was nicht jeder werden konnte, etwas Besonderes, Seltenes, wenn möglich Einmaliges.
Damals kam es noch vor, daß auch die Knaben Röcke trugen oder Leibchen, an denen mit kleinen Strapsen lange wollene Strümpfe befestigt waren. Auch Schürzen hielten unsere Mütter für uns bereit. Das hat mich zwar nicht dazu gebracht, mein Geschlecht zu verleugnen, aber ein kleiner Hang zur Travestie ist aus jener Zeit geblieben, und in der Faasenacht habe ich dem auch schon mal nachgegeben. Und als Röckchenknabe von sechs Jahren konnte ich mir gut vorstellen, einmal Kaiserin von China zu werden, auch ein Job mit hohem Seltenheitswert.
Mit der Kaiserin ist es dann leider doch nichts geworden, auch Bärenstellungen oder Löwenaufgaben hat es nie für mich gegeben. Aber den eigentlichen Kindheitstraum habe ich mir erfüllen können: Was auch immer ich getan habe, ob im Beruf oder nebenher, es waren meist recht ausgefallene Sachen, eben seltene Jobs.
Ich weiß bis heute nicht genau, was mich daran gereizt hat, Dinge zu tun, die bei anderen nicht so begehrt waren, oder die sie sich zu Unrecht nicht zutrauten. An der Abenteuerlust kanns nicht liegen, ich hasse die Gefahr.
Indianerhäuptling zum Beispiel, hätte ich niemals werden mögen, dazu hätte mir der Mut gefehlt. Häuptlinge müssen kämpfen. Präsident wäre schon eher was. Präsidenten fallen nicht vorm Feind, sie können höchstens gestürzt werden. Nein, nichts Gefährliches bitte, aber doch was Besonderes.
Vielleicht hängt der Wunsch, etwas zu tun, was nicht jeder tut, mit meiner Bequemlichkeit zusammen? Oder damit, daß man sich nicht unterordnen will? Wo viele das gleiche tun, sind auch viele da, die den gleichen befehlen, da heißt es parieren. Da muß man hart zulangen, um sich durchzusetzen. Die einsamen Jobs sind bequemer, da gibt es keine Konkurrenz und der Chef hat keine Ahnung von dem, was du treibst. Deshalb wird er dich, wenn überhaupt, nur ganz zart in den Hintern treten. Im Gegenteil, er läßt sich sogar ein paar Frechheiten von dir gefallen, er will doch seinen Spezialisten nicht verlieren. Das sind die Vorzüge der seltenen Jobs.

Als die Träume dann etwas konkreter wurden, wurde auch die Vorstellung von dem „seltenen Job“ den er ergreifen wollte, konkreter: Der Journalismus sollte es sein, der tägliche Umgang mit der Sprache, das war sein Ziel. Aber schon damals war, wie die Prophezeiung der missgünstigen dreizehnten Fee im Märchen, die große Drohung in sein Leben getreten: Axel wusste, dass er an einer Krankheit litt, die ihm Stück für Stück sein Augenlicht rauben würde. Wie sollte sich diese Perspektive mit einem Leben als Journalist vertragen? Trotzdem begann Axel 1963 ein Studium der Germanistik. Vorzeitig klein beigeben war schon damals nicht seine Sache. Wer nicht an das Unheil glaubt, mag er sich gesagt haben, den verschont es vielleicht doch. Im eben schon erwähnten Büchlein, das er zum Abschluss seiner Zeit als Dudweiler Stadtteil-Autor herausgebracht hat, steht ein kleiner Text, der diese Haltung bekräftigt. In der Diktion der berühmten „Geschichten vom Herrn Keuner“ des von Axel bewunderten Dichters Bertolt Brecht, schrieb Axel ein paar eigene „Geschichten vom Herrn K.“ Eine heißt

Herr K. stellt eine Behauptung auf
Als Herr K. in einer Runde Intellektueller einmal behauptete, alle Menschen litten unter der Vorstellung, sterben zu müssen, bestritt man dies und fand seine Behauptung eines Intellektuellen unwürdig. Herr K wiederholte seine Behauptung auf einem Kirchenkongress, dort fand man sie eines Christen unwürdig. Herr K. wiederholte seine Behauptung, daß alle Menschen unter der Vorstellung litten, sterben zu müssen, bei Fußballvereinen, Kaffeekränzen, Landtagsabgeordneten und Freimaurern. Und überall bestritt man sie und fand sie irgendjemandes unwürdig.
Eines Tages besuchte Herr K. einen Zirkus, sich eine Löwennummer zu besehen. Dort erklärte man ihm, daß der Dompteur die Tiere nur deshalb beherrsche, weil er nicht daran glaube, von ihnen gefressen zu werden. Aha, sagte Herr K., so ist das also.

So war das also. Aber als Axel dann 1967 „seine“ Marga heiratete, konnte er sich den vernünftigen Ratschlägen des Vaters nicht mehr widersetzen. Eine Zukunft als Journalist schien zu unsicher, um eine Familie zu gründen. Also mussten dem künstlerischen, dem journalistischen Traum die Flügel soweit gestutzt werden, dass er im Vorgarten einer bürgerlichen Existenz blieb und nicht über den Zaun und davonflattern konnte. Wenn schon Sicherheit, mag sich Axel nun wieder gedacht haben, dann auch richtig: Beamter werden. Ganz gewiss nicht der Beruf seiner Träume.  Sondern, wie er selbst in dem schon oben zitierten Text ironisch schreibt:

Das ist kein Beruf, das ist eine Berufung. Bei der Behörde, die mich zum Beamten ernannt hat, können Beamte, wenn sie wollen, sehr unbürokratische, ja sogar außerordentlich seltene und darum interessante Jobs ausüben. Ich spreche vom Arbeitsamt.
Als Angehöriger dieser schönsten aller Behörden habe ich Baustellenmaterial gepfändet, einen Eisenbahnwaggon voller arbeitswilliger Saarländer persönlich beim Daimler abgeliefert (damit unterwegs keiner verloren ging) und den ordnungsgemäßen Aufenthalt ausländischer Stripteasetänzerinnen überprüft. Den einmaligsten Job hatte ich während dieser Zeit als „Instruktor coArb". Klingt fantastisch und war auch so. CoArb ist eine der Perlen aus dem Aküverz des Beamten und bedeutet „computerunterstützte Arbeitsvermittlung". Sechs Jahre lang war ich der einzige Mensch in Rheinland-Pfalz und im Saarland, der ungestraft behaupten durfte, er wisse genau, wie das funktioniere. Ob es tatsächlich gestimmt hat, wird man nie erfahren, keiner konnte es überprüfen.

Ungeliebt oder nicht, Axel blieb über zehn Jahre dem Beamtendasein und der Bundesanstalt für Arbeit treu. Aber auch sich selbst und seinen eigentlichen Ambitionen. Schon seit Mitte der Siebziger war er zeitweise freier Mitarbeiter der Saarbrücker Zeitung, schrieb Texte für den Saarländischen Rundfunk.
1981 dann hatte sich sein Augenleiden so weit verschlimmert, dass er in den vorzeitigen Ruhestand versetzt wurde. Noch im gleichen Jahr erschien sein erstes Buch, „Geschichten aus dem Neandertal“, eine Sammlung von Science-Fiction, Satiren, sogar ein regelrechter „Talking Blues“ samt Gitarrengriffen findet sich darin. Das Besondere an diesem Buch war die überaus clevere Finanzierung des Projektes per Subskription: Axels Geschichtenband wurde vor Erscheinen bereits 241 mal verkauft – und dann erst gedruckt. Darauf muss man erstmal kommen! So schwingt denn auch berechtigter Stolz mit in dem, was der Autor vorn in sein Buch gedruckt hat:

Dieses Buch wurde 241-mal verkauft, bevor es gedruckt werden konnte.
Verglichen damit ist z.B. die Leistung der Fa. „HispanoSiza“ ein Klacks, obwohl es ihr immerhin gelang, 1957 Herrn Strauß 10680 Schützenpanzer zu verkaufen, bevor sie existierten -
denn: ist es doch immer noch leichter, kriegerisches Werkzeug zu verkaufen, als friedvolle Gedanken.

1983 folgte „Mei Freind de Bernd“, eine Sammlung mit Mundartsatiren. Im gleichen Jahr adoptierten Marga und Axel, seit 1978 in Ommersheim „auf dem Land“ wohnend, ihre Tochter Tanja.
1987 wurde die Stelle eines Stadtteilautors für Dudweiler ausgeschrieben, Axel bewarb sich und wurde gewählt. Wer in dem schmalen Büchlein blättert, das dann zum Ende der Stadtteil-Autorenschaft erschien, spürt in jeder Zeile, mit wie  viel Freude, Engagement und, man kann es nicht weniger pathetisch sagen, mit wie viel Herzblut er sich da eingesetzt hat. Axel war – in doppeltem Sinn – nach Hause gekommen. Wieder nach Dudweiler und endlich zum Schreiben.
Für den SR schreibt er eine überaus erfolgreiche Mundart-Krimiserie, „Käfer klärt die kloorschde Fäll“,  aber auch politische Texte wie die Satire „Operation Z“ und „Wenn der Wind weht“, einen engagierten Text gegen die Atombombe.
Axel war immer ein politischer Mensch. Er war langjährges und engagiertes Mitglied der SPD, lange Jahre leistete er gewerkschaftiche Arbeit im Vorstand des saarländischen Schriftsteller-Verbandes. Aber auch als Autor. Wenn er auch nie Verfasser vordergründiger Agitprop-Schriften gewesen ist, so war doch sein politischer Standpunkt stets in seinen Arbeiten spürbar.
Trotz der immer weiter fortschreitenden Behinderungen durch die Krankheit - nicht nur das schwindende Augenlicht, auch das Gehör ließ nach und Nervenschmerzen plagten ihn häufig - trotz all dieser Widrigkeiten hatte er 1988, unmittelbar nach dem Ende der Stadtteilautorenschaft, auch noch ein Theater in Dudweiler gegründet. Der letzte Text im Bändchen „Aus Liebe zu Dudweiler“ war überschrieben mit „Am Ende Theater“. Darin stand:
Ich habe in meiner alten Heimat alte Freunde wiedergefunden, neue hinzugewonnen und will mich mit Gleichgesinnten weiterhin am kulturellen Leben von Dudweiler beteiligen. Wir wollen Theater spielen, ein Kabarett machen, vielleicht gehen auch andere Impulse von dieser Gruppe aus. Und alle sind herzlich eingeladen, mitzumachen. Vor allem wünschen wir uns für diese Vorhaben Publikum, denn schließlich können ja nicht alle auf der Bühne rumstehen.
... Nach den Erfahrungen dieses Jahres, da ich Kontakt aufgenommen habe zu verschiedenen Vereinen, die man üblicherweise als Träger der Kultur innerhalb einer Gemeinde ansieht, muß ich sagen, daß ein gewisser Nachholbedarf nicht zu leugnen ist. Viele Leute haben heutzutage andere Sorgen, als sich kulturell zu betätigen oder sich durch Kultur unterhalten zu lassen. Dennoch sind in den letzten Jahren auch im Saarland in vielen Gemeinden Gruppen entstanden, die sich um die Kultur vor Ort bemühen, oft mit beachtlichem Erfolg. Auch in Dudweiler gab es das schon mal. Warum wir dieser Entwicklung in den letzten Jahren ein wenig hinterher hinken, weiß ich nicht, will mich aber mit all denen, denen es auch Spaß macht, der Aufgabe widmen, Anschluß zu finden.

Das hat Axel getan, zehn Jahre lang, und wie alles was er tat, mit vollem Einsatz. Und – auch hier muss man sagen: wie bei allem was er tat - mit voller Unterstützung seiner Frau Marga, die neben Beruf und  politischer Arbeit auch noch das Theater putzte, wenn Not am Mann war. 1998 schieden Axel und Marga aus dem Theater aus – unter nicht gerade erfreulichen Umständen.
Ein großer Erfolg in diesen Jahren war auch Axels saarländische Shakespeare-Version „Hammledd“. 1997 vom SR als Hörspiel produziert, 1999 dann im Staatstheater (Theater Arnual) als Theaterstück auf die Bühne gebracht.

Liebe Angehörige, Freunde und Bekannte von Axel. Man kann in so kurzer Zeit nicht ein ganzes Leben erzählen. Schon gar nicht so eines, wie es Axel geführt hat, führen durfte, aber auch führen musste. Obwohl sein Körper ihn immer mehr im Stich ließ, Schmerzen und Behinderungen immer gravierender wurden, seit 2003 sein Sehvermögen gänzlich erloschen war, hat er nicht aufgegeben; hat geschrieben, gelesen bzw. sich vorlesen lassen, hat sich Techniken erarbeitet, durch die er weiterhin aktiv bleiben konnte. Jammern war ihm fremd. Auch wenn es manchmal ein bisschen Schau gewesen sein mag, machte er nach außen oft den Eindruck, als sei es kaum der Rede wert, mit all diesen Behinderungen immer noch ein Schriftsteller, ein Künstler zu sein.
Mir sind drei persönliche Erlebnisse mit Axel aus den letzten Jahren besonders in Erinnerung geblieben.
2005 oder 2006 machte ich für den SR ein Feature über saarländische Krimi-Autoren. Und natürlich musste da Axel Herzog drin sein. Nicht nur wegen früherer literarischer Vergehen, wie bereits erwähnt, sondern auch wegen seiner frechen Idee der „Drei-Euro-Romane“, knallrote Bändchen, die ganz bewusst mit dem Schmuddel-Image der Heftchenromane spielten, und von denen damals schon sieben, nunmehr insgesamt zehn auf dem Markt sind. Ich war tief beeindruckt von der Begegnung und der Arbeit mit Axel. Wir hatten Spaß zusammen, wir haben „was geschafft“ und ich war fasziniert  davon, wie er mir auswendig, ohne Stocken oder Versprecher, die gewünschten Textpassagen aus seinen Krimis ins Aufnahmegerät sprach. Ein Erlebnis, das viele Menschen auch bei seinen „Lesungen“, man muss das Wort in Anführungszeichen setzen, in diesen Jahren immer wieder beeindruckte.
2007 dann hatte ich die große Freude, in der Jury des Hans-Bernhard-Schiff-Preises zu sitzen und einen Text von Axel-Herzog gewinnen zu sehen. Was ich damals in der Laudatio gesagt habe, das verdeutlicht einiges davon, wie der mittlerweile schwerkranke Axel Herzog es immer noch verstanden hat, literarisch und politisch ein  deutliches Signal zu setzen, fernab jeglicher weinerlicher Nabelschau, sondern sich immer noch mit einem klaren Standpunkt einmischend. Der Inhalt seiner Erzählung „Die Anhörung“ ist schnell zusammengefasst. In den Worten der Jury: Ein alter Mann ist über den beiden Saarabstimmungen (1935 und 1955) verrückt geworden. Eine Richterin müsste dem betreuenden Neffen das Sorgerecht entziehen, nachdem der Kranke sich in Lebensgefahr bringt, als er das Straßenschild Straße des 13. Januar verhängen will. Sie versteht dann aber die heftige Reaktion des alten Mannes, als sie seine Biographie kennen lernt. 

Ich habe damals in meiner Ansprache gesagt:

Hinter diesen kargen Worten verbirgt sich eine längere Diskussion, an deren Ende die Preisvergabe an Axel Herzog stand. Neben der literarischen Qualität von Axel Herzogs Erzählung war dafür vor allem die Widersetzlichkeit seines Textes gegen den Zeitgeist, gegen das Vergessen, gegen die unpolitisch-bierselige Feierlaune gerade im Jahr des Saarland-Geburtstages verantwortlich. Das hat die Jury beeindruckt und erfreut.
In Herzogs Erzählung heißt es an einer Stelle:
„Geschichte, was ist das? Ein Buch, das nicht gelesen wird, eine Gedenkstätte, um die gestritten wird, ein Ortsname, dessen Herkunft nur wenige Adepten kennen…“
... In einem Land, dessen journalistisches Zentralorgan sich und sein Bundesland feiert mit dem geschichtsblinden Slogan "Wir waren schon autonom, da haben die 68er noch in die Windeln gemacht“ - als hätten sich aufrechte Saarländer diese sogenannte Autonomie damals heldenhaft erkämpft und nicht als Kriegsfolge aufgedrückt bekommen;
in einem Land , zu dessem fünzigsten Jahrestag des Anschlusses an die BRD den Verantwortlichen nichts Besseres einfällt als die Sprachquälerei „Ich fünfzige“, ...
in einem Land, dessen sinn- und identitätsstiftende Figur – glaubt man den Veranstaltern der Fünfziger- Events - inzwischen offenbar „Hansi Urpils“ geworden ist…
In solch einem Land – finde ich – braucht es viele solcher Texte – und solcher Autoren.
Axel Herzog bezeichnet sich in einer Schlussbemerkung seiner Vita, Ambros Bierce folgend, als Schuft. Das seien nämlich die Zyniker, deren mangelnde Wahrnehmungsfähigkeit sie die Dinge nur so sehen lässt, wie sie sind und nicht wie sie sein sollen. So weit so gut und treffend formuliert. Trotzdem denke ich, ist das nur die halbe Miete. Denn warum sollten wir die Dinge so beschreiben, wie sie sind, wenn da nicht wenigstens eine kleine Ahnung davon in uns wäre, wie sie sein sollten?

Die dritte Begegnung ist rasch erzählt. Es war vielleicht vor einem oder eineinhalb Jahren. Ein Anruf. Axel fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, mit ihm zusammen ein Bühnenprogramm zu machen. Ich war spontan begeistert. Und Axel fragte: Willst du wirklich mit einem Krüppel auf die Bühne?
Lieber Axel, ich hätte gewollt. Wir haben es nicht mehr hingekriegt. Das wird mir noch lange Leid tun.

Liebe Versammelte, liebe Marga, liebe Angehörige, liebe Freunde, Kollegen und Bekannte und –  liebe Leserinnen und Leser von Axel Herzog.
Axel ist tot. Er wird fehlen. Wir sind unendlich traurig. Und doch auch erleichtert, dass das Leiden für ihn nun zu Ende ist.
Lasst  uns, lassen Sie uns, diesem Tod und dieser Traurigkeit ein Schnippchen schlagen, indem wir von ihm lesen, an ihn denken und ihn nicht vergessen. Seinem letzten Buch, 2008 erschienen, es heißt „Der Krüppel und das Gift“, hat Axel einen Satz von Philip Roth vorangestellt: Wer über sich schreibt, enthüllt sich und verbirgt sich zugleich.
Wir werden dich in deinen Worten zu finden wissen.

Peter Tiefenbrunner
Herr K. und die Sprache

Herr K. liebte seine Sprache. Er kontrollierte sie. Wenn ich sie nicht kontrolliere, sagte er, entgleist sie. Herr K. vermied Fremdwörter. Wozu, sagte er, dieser Sprache fehlt nichts.

Als Herr K. nach längerer Zeit der Abwesenheit wieder nach Hause kam, fand er seine Sprache verändert. Sie schien ihm verwirrt, durchsetzt von Begriffen ohne Sinn, ohne Hand und Fuß, ja kopflos. Er suchte lange nach einer Erklärung, bis er eines Tages eines jener neuen Wörter vernahm, das  hieß Schulterschluß. Das mag die Erklärung sein, sagte Herr K.  Wenn an der Schulter bereits Schluß ist, kann sich darüber kein Kopf befinden.

IMMERHIN

Zu sterben ist nicht schwer, wenn du bedenkst,
Daß du vielleicht dich neuen Formen schenkst.

Daß du einst noch nicht warst, ficht dich nicht an:
Einst wirst du nicht mehr sein - liegt dir daran?
Das Zwischenspiel: Daß du hier lebst und liebst
Und einmal, heißt es, diese Verse schriebst.

Doch neue Formen - das läßt sich verstehn.
Wie wirst du schön als eine Wolke wehn!

    Alfred Margul-Sperber