Rezensionen zu "Im Reich der Fische"

  • "Kurzgeschichten finden gegenwärtig in der Literaturszene nur wenig Beachtung - sie bringen den Autoren kaum Renommee ein, und sie erscheinen fast nur noch in auflagenschwachen Literaturzeitschriften. Warum das schade ist, zeigt nun Jörg W. Gronius mit einem Band voller witziger Kurzgeschichten, die satirisch bis tragisch, grotesk bis magisch sind. Noch das Verrückteste weiß der Autor in seinem Band "Im Reich der Fische" mit einer lakonischen Selbstverständlichkeit zu erzählen. So entwickeln die Geschichten eine Drift ins Phantastische oder Absurde, die den Leser sanft mitnimmt und auch dem Absonderlichen eine gewisse Plausibilität verleiht. Erzählt wird etwa die Geschichte von Radu, der die Bügersteige scheut und deshalb den Weg durch, unter oder über die Häuser (Keller, Dachböden, ehemalige Türen, Balkone) sucht. Der 57-jährige Autor und Dramaturg, der zwölf Jahre in Hannover gelebt hat und jetzt in Saarbrücken wohnt, versteht es, Erwartungen aufzubauen und sie dann mit einem lapidaren Schluss zu enttäuschen. Es bleiben Rätsel, ohne dass der Text geheimnisvoll tut. Oder es beginnt wie der Reisebericht eines Paares, das eine Freundin besuchen will und es in der Provinz in eine Eisdiele verschlägt, in der ein enthusiastisch gekrähtes "Mo-hon-jaa" aus der Musikbox eine wahnhafte Euphorie unter den Gästen auslöst. Man erfährt Interessantes über ein Berliner Schiffshebewerk, in dem einst Riesen aus der Ukraine als Heber und Schlepper schufteten, bis eben alles "komm-pju-terri-siert" wurde. Ein Kind stößt ein Glas um und verursacht eine wahre Sintflut: Banales weitet sich immer mal wieder ins Monströse aus. Man findet alles von der gleichmütig erzählten blödsinnigen Liebesgeschichte, in der es um eine gescheiterte Beziehung mit einem Fisch geht, bis zu den Überlegungen eines Schwimmers, dem Beschauliches über das Meer und Kulturpessimistisches über den Menschen durch den Kopf geht, bevor er ins Reich der Fische sinkt. Manches liest sich wie ein erzählter Traum, dann wieder schildert der Autor kühl die Begegnung mit einem Alzheimerkranken. Meist geht das Reale und das Surreale eine friedliche Koexistenz ein, befremdlich ist ohnehin beides."
    Karl-Ludwig Baader, Hannoversche Allgemeine, 02. Februar 2010
  • "Ziemlich fantastisch geht es zu in diesen Kurzgeschichten des Berliner Autors und Publizisten: Da vergießt ein Mädchen bei einem Theaterabend eine Wasserflasche und es hört nicht auf zu fließen, bis das ganze Theater überflutet ist. Oder ein Mann geht im Meer schwimmen; er gelangt nicht mehr zurück ans Ufer, sondern wird immer tiefer in eine wundersame Meereswelt gezogen. Oder ein Ich-Erzähler verliebt sich zuerst in einen Fisch und als er später verlassen wird, fühlt er sich kurz darauf unwiderstehlich zueiner einbeinigen Stute (sic!) hingezogen. Es ergibt sich eine aparte Mischung aus den realen Lebensumwelten der Protagonisten und den irrealen, bisweilen surrealen Geschehnissen im Fortgang der Geschichten. Das hat seinen Reiz und unterhält gut."
    Christian Eidloth, ekz-Informationsdienst, Dezember 2009
  • "75 Prozent der Erdoberfläche ist von Wasser bedeckt. Kein Reich ist größer als das der Fische. Weniger dies als vielmehr seine Affinität zu Wasser in jeder Form hat Jörg W. Gronius nun einen skurrilen Band mit Kurzgeschichten veröffentlichen lassen, die alle am oder mit Wasser spielen. [...] Unerhörte Ereignisse treffen in den Geschichten von Gronius, das ist eines ihrer Grundprinzipien, mit der allergrößten Selbstverständlichkeit ein. Wenn sie ins Surreale abdriften, dann sehr plötzlich und ohne dass dies den Erzählfluss im Geringsten stört, verändert. Dafür erweitert es unsere Phantasieraumzonen. Und sorgt für Amüsement. Sinn und Zweck dieser Realitätsbrechungen dürfte es aber auch sein, 'ein Netz vermeintlicher Bedeutungen zu knüpfen'. Eines, das - so spricht Gronius in Gestalt einer seiner Figuren gewissermaßen über Bande zu uns - 'wenn Sie so wollen, von stärkerer, intensiverer Wirklichkeit als die unsere' ist. [...]"
    Christoph Schreiner, Saarbrücker Zeitung, 19.11.2009