Rezensionen zu "Gute Jungs kommen an die Macht, und böse in die Sonderschule"

  • "Was ist los mit unseren Jungen? Nicht erst PISA brachte es ans Licht. Ein einziger Blick auf das Geschlechterverhältnis von Schülern und Schülerinnen an deutschen Sonderschulen lässt erahnen, worum es der Autorin in der vorliegenden Schrift geht. Schulversagen verschiedener Facetten ist für Jungen ein viel stärkeres Thema als für Mädchen. Gerade das Übergewicht männlicher Schüler mit Verhaltensstörungen beschäftigt Pädagogik und die ihr nahen Wissenschaften gleichermaßen und vor allem dauerhaft. Angesichts dieses auffallenden Missverhältnisses innerhalb des Geschlechterverhältnisses stellt sich unweigerlich die Frage nach fördernden und hemmenden Entstehungesbedingungen von Verhaltensstörungen gerade bei Jungen. [...] Für die Autorin kristallisierte sich in eigenen beruflichen Erfahrungen als Klassenlehrerin an einer Schule für Erziehungshilfe zunehmend eine Diskrepanz zwischen der Praxis und gängigen wissenschaftlichen Erklärungsansätzen und Handlungskonzepten heraus. Eine Ausnahme bilden aus ihrer Sicht Veröffentlichungen zur Psychoanalytischen Pädagogik. Dieser theoretische Bezugsrahmen dient als Basis für die weiteren Darlegungen und sie geht darüber hinaus. Anliegen der Schrift ist es, bisherige sonderpädagogische, psychoanalytisch orientierte Veröffentlichungen, die eher als geschlechtsneutral zu bezeichnen sind, um ein weiteres Moment zu erweitern, den Genderaspekt. Die Autorin geht der Frage nach, inwieweit vorherrschende, zum Zeil antiquierte Männlichkeitskonzepte zum Scheitern von Jungen sowohl auf sozialer als auch auf schulischer Ebene beitragen.
    Die Arbeit gliedert sich in vier Teile. Im ersten Teil beschäftigt sich die Autorin mit theoretischen Grundlagen. Sehr präzise erläutert sie zunächst das Verhältnis von Psychoanalyse und Pädagogik, um dann vertieft psychoanalytische Zugänge zu deviantem und delingquentem Verhalten darustellen sowie die Bedeutung der Gender-Kategorie für die Sonderpädagogik zu klären. Folgerichtig widmet sich der zweite Abschnitt des Werkes dem Wandel der männlichen Identitätsentwicklung. Im dritten Teil dann wird näher auf institutionelle Bedingungen, insbesonderes das mehrgliedrige Schulsystem eingegangen, das die pädagogische Arbeit an deutschen Schulen umrahmt. Im vierten, abschließenden Teil kehrt die Autorin zu ihrem Ausgangspunkt, ihren eigenen praktischen Erfahrungen zurück. Anhand ausgewählter Fallbeispiele werden dort die Möglichkeiten subjektorientierter, Geschlechterrollen reflektierender Schuldpädagogik untersucht.
    Das vorliegende Werk zeichnet sich durch eine durchweg punktgenaue Darstellung der Problematik aus. Das Scheitern von Jungen in der Schule und im sozialen Bereich des Lebens wird in erster Linie als Ausdruck gesellschaftlicher und bildungspolitischer Gefüge verstanden, die es notwendig erscheinen lassen, hinterfragt zu werden. Exemplarisch sei hier nur auf einen interessanten Aspekt hingewiesen: Ein herkömmliches Konstrukt von Männlichkeit, welches nach wie vor als Verhaltensmaßstab an heranwachsende Jungen herangetragen wird. Es ist eng mit einer tradierten Gesellschaftsinformation verbunden, wie sie etwa durch die bürgerliche Familie repräsentiert wird. Außen vor bleibt zu oft die Tatsache, dass die Familienstrukturen unserer Gesellschaft zunehmend einen Wandel erfahren haben, in denen sich ein konventionelles Männlichkeitskonstrukt häufig nicht mehr als tragfähig erweist. Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass zwar tradierte Männlichkeitsvorstellungen sowohl in der Oberschicht als auch in der Unterschicht der Gesellschaft einen hohen Stellenwert einnehmen, allerdings zu völlig unterschiedlichen Auswirkungen führen. Ist das Männlichkeitskonstrukt für Vertreter der Oberschicht vielfach funktional, indem es Schulerfolg und Karrierebestrebungen fördert, erweist sich der gleiche Habitus bei Jungen aus einem sozial benachteiligten Umfeld häufig als kontraproduktiv. Diese unerfüllt bleibenden, auf einem klassischen Männlichkeitsideal beruhenden Bestrebungen finden dann ein Ventil in deviantem oder delinquentem Verhalten innerhalb von Subkulturen und eben auch im Schulversagen. Dabei wird von der Autorin eine defizitorientierte, nur die äußere Umhüllung der Problematik betrachtende Sichtweise von Schulversagen abgelehnt.
    Es lässt sich nun fragen, inwiefern diese Überlegungen eine pädagogische Umsetzung finden und bildungspolitische Debatten beeinflussen können. Mögliche Perspektiven zeigt die Autorin dem interessierten Leser auf. Die Schrift ist aus drei Gründen empfehlenswert: Erstens bietet sie einen komplexen, sorgfältig gewählten historischen Überblick über die psychoanalytische Sicht von Devianz und Delinquenz. Zweitens findet sich eine prägnante Bestandsaufnahme gegenwärtiger Möglichkeiten und Grenzen des mehrgliedrigen Schulsystems. Und drittens stellt die Autorin mögliche Zukunftsperspektiven in Aussicht, die sowohl für Pädagogikstudenan als auch für Lehrende in der Praxis von hoher Relevanz sind.
    Dana Winkler, Humboldt Universität Berlin, in: Sonderpädagogische Förderung heute, Jahrgang 54, 1/2009
  • "[...] Ilka Hoffmann hat in ihrer Dissertation vier für die Förderschwerpunkte Lernen und Verhalten zentrale Themen kritisch reflektiert und zusammengefügt: das Scheitern männlicher Schüler im deutschen Bildungssystem; ihre quantitative Dominanz in Förderschulen und Erziehungshilfeschulen; die Bedeutung der Gender-Kategorie für die Sonder(-schul)pädagogik; den Stellenwert psychoanalytischer Pädagogik als Reflexionsgrundlage schulischer Praxis. […] Es gelingt ihr überzeugend, das Risikopotential männlicher Identitätsentwicklung unter den Bedingungen materieller Ungleichheit prägnant zu veranschaulichen. […]
    Ihre profunde Kritik an den bestehenden integrativen Beschulungskonzepten für SchülerInnen mit Förderbedarf im Lernen und/oder Verhalten (202ff.) mündet in eine zutreffende Kritik der LehrerInnenbildung (209).
    Die im Jahre 2006 veröffentlichte Dissertation ist hoch engagiert und mit großer Detailkenntnis der einschlägigen Literatur verfasst. Manche hier kritisch gewürdigten Aspekte sind zu relativieren, wenn der reale Ausgangspunkt und die Motivation für diese Studie in den Blick genommen werden. […] Die wissenschaftstheoretische Reflexion […] und die Analyse bildungspolitischer Ideologien im Kontext von Segregation und latenter Ghettoisierung einer bestimmten Gruppe männlicher Schüler sind nicht nur besondere Forschungsleistungen; ihr uneingeschränkter Gewinn – auch als wünschenswerte Grundlagenlektüre in der LehrerInnenbildung – liegt in der Verschränkung zentraler Theoriebezüge, die nicht nur für die beiden Förderschwerpunkte Lernen und Verhalten von zentraler Bedeutung sind. Gerade für Studierende im Lehramtsstudium bietet diese Veröffentlichung eine Fülle von Anregungen, sich mit ihrem zukünftigen Praxisfeld Schule intensiv auseinanderzusetzen."
    Birgit Herz am 05.12.2007 in EWR 6 (2007), Nr. 6