Rezensionen zu "Arme Leute"

  • "Seine [Nils Bentner, Hauptfigur Pixity] Unzugehörigkeit erinnert an Klaus Pirrung, eine Hauptfigur aus Arme Leute. Der durchschaut die, die ihn verachten, genießt besondere Freuden und trägt besonderes Leid. Von dieser Position lässt sich Kritik formulieren, die den Namen verdient." Michael Schweizer, forum Kommune, 6/2011
  • "Ein niedergeschriebenes, erzähltes Tryptichon:
    Am ehesten lässt dich Dieter Paul Rudolphs neuer Kriminalroman durch diese nichtliterarische Kategorie erschließen. Drei Figuren kommen in ihrem je eigenen Stil zu Wort: Im ersten Kapitel Der Ohrabschneider, im zweiten Das Flittchen und im dritten und letzten und kürzesten Der Idiot. [...] Zuerst Klaus Pirrmayer: Er hat einem Künstler ein Ohr abgeschnitten und wandert für diese Tat drei Jahre ins Gefängnis, wenige Tage vorher wurde seine Ehefrau Cordula Opfer eines Raubmörders. [...]Pirrmayer kommt mir dem leicht erahnbaren Ziel aus dem Gefängnis, den Mörder seiner Frau zu finden, den er unter den vier Honoratioren des Städtchens vermutet, die seit je hinter Cordula her waren. Pirrmayer ist der kaputte Held dieser wüsten Geschichte und wird am Ende nicht mehr am Leben sein. Der Sound Pirrmayers, »das Gravitätische seines Gesäßes zerreibt sich auf der mürbe gewordenen Polsterung seines Stuhles, den er eine Planstelle nennen mag, so kenne ich den doch, davon hat er geträumt, noch als Student der Geschichtswissenschaften«, ist die Sprache eines Halbgebildeten, durchsetzt mit Umgangssprachlichem :» Wird gondeln über Land, wir hangeln uns von Dorf zu Dorf, eins idyllischer als das andere, hier wird Kotzen zum ästhetischen Akt.«
    Das Flittchen, zweites Kapitel, spricht eine deutlich andere Sprache: »Kapiert hab ich also mal gar nix. Einer, den du gestern noch gesehen hast, soll plötzlich tot sein? «, so denkt sie, kurz nachdem sie erfahren hat, dass Klaus Pirrmayer, ihr Nachbar und Bettgenosse der vergangenen Tage, erschossen worden ist. Gelika heißt die stadtbekannte Dorfnutte. [...] Von allen kennt sie intime Details, die sie mit der toten Cordula teilte. Cordula entpuppt sich in Gelikas inneren Monologen als Voyeuristin, die Gelika mit den Jungs verkuppelte und ihnen beim Geschlechtsverkehr per Fernglas zusah.
    Gelika setzt Klaus Pirrmayers Arbeit, den Mord an seiner Frau aufzudecken, mit ihren Mitteln fort. [...]
    Kapitel drei: Der Idiot. Edgar, der in den beiden vorangegangenen Abschnitten als geistig behindert und der Sprache kaum mächtig dargestellt wird, entpuppt sich plötzlich als der Intellektuelle, der alle narrt. [...] Zu Beginn des dritten Kapitels ist Gelika tot. Auch sie. Ein weiterer Mord, der aufzuklären ist. [...] Mit der Rolle Edgars kommt der gesamte Krimi ins Schleudern. Edgar bleibt als Figur deutlich hinter Klaus Pirrmayer und Gelika zurück. Sein Ton ist weder so plausibel wie die Pirrmayers noch besticht er durch den zotigen Jargon Gelikas.
    Am Ende dieses Kriminalromans werden die Morde aufgeklärt sein: Wer hier wen und aus welchen Motiven umgebracht hat, das erfährt der Leser durch Edgars nun nicht mehr ganz glaubwürdige Stimme. Dieter Paul Rudolph ist über weite Strecken ein rasant zu lesender Krimi gelungen, der leider am Schluss Tempo und Rhythmus verliert und damit auch für den Leser nicht ganz überzeugend endet."
    Herbert Temmes in Saarbrücker Hefte, Nr. 102, Winter 2009
  • "Ein Außenseiter wirbelt den Kleinstadtmief in einem saarländischen Provinzkaff durcheinander. Ein frisch verwitweter Mann schneidet einem Maler ein Ohr ab. Drei Jahre später ist er wieder auf freiem Fuß, doch die Geschichte ist nicht vergessen. In seinem Umfeld gab es schon zu viele Tote: Ein überfahrenes Mädchen mit Fahrerflucht, ein Einbruch mit Totschlag. Auch die verschwundenen Gebeine einer lang verstorbenen Adeligen sorgten für Aufsehen. Gras schien über die Vorfälle gewachsen zu sein, doch die erneute Anwesenheit des Ohrabschneiders alleine reicht schon aus, um Unruhe zu erzeugen. Über Jahrzehnte festgefahrene Klassenunterschiede manifestieren sich, eine verschworene Clique sieht sich und ihr Establishment in Gefahr und setzt sich zur Wehr.
    Was sich an sich recht einfach liest, weiß der Autor geschickt zu verschleiern. Der Leser bekommt nacheinander die Geschehnisse aus drei verschiedenen Blickwinkeln präsentiert. [...]
    Diese drei Blickrichtungen auf die Geschichte liefern dem Leser nicht nur drei unterschiedliche Perspektiven mit jeweils eingeschränktem Kenntnisstand, sie entführen durch ihre differenzierte Sprache auch in den jeweiligen Micro-Kosmos des Erzählers. Hierbei macht es einem Dieter Paul Rudolph nicht eben einfach. Die als innere Monologe gestalteten Erzählungen der drei Akteure sind einerseits sprachlich dem jeweiligen Milieu und Bildungsstand angepasst, sie sind aber auch in der Sprache sehr verknappt. Diverse Gedanken- und Zeitsprünge, die nicht abgesetzt oder hervorgehoben werden, verwirren den Leser anfangs doch sehr. Hat man sich erst einmal in den Duktus und die Denke hinein gefunden, so kann man sich auf ein sehr schnelles und mitreißendes Buch freuen. [...]
    Insgesamt ein recht bunter und spannender Krimi, der die Szenerie einer biederen Kleinstadt gekonnt transportiert. Auf die sprachlichen Mittel muss man sich jedoch einlassen können und wollen."
    Christian auf www.lovelybooks.de, 11.02.2010
  • "In jeder Kleinstadt [...] gab und gibt es die, die das Sagen haben und die sich aufgrund ihrer herausgehobenen Position auch manches Unerlaubte herausnehmen können - Honoratioren, Stammtischbrüder, lokale Würdenträger, gewählt oder selbst ernannt, der ganze Filz eben, zu dem einer gehört oder nicht gehört - und den großen Haufen all jener kleinen Lichter, die immer den Kürzeren ziehen, wenn sie versuchen, gegen Erstere anzustinken. Arme Leute halt. Hier ist es Klaus Pirrmayer, Ex-Ordnungshüter und Ehemann einer unter merkwürdigen Umständen zu Tode Gekommenen, der sich mit den Großkopferten in seiner Gemeinde anlegt. Nachdem er einem von ihnen in guter alter Van-Gogh-Manier ein Ohr abgesäbelt hat, wandert er für drei Jahre hinter Gitter, taucht aber sofort nach seiner Haftentlassung wieder auf und macht sich scheinbar einen Spaß daraus, die, welche ihn gern auf Nimmerwiedersehen losgewesen wären, allein durch sein Herumsitzen in den Cafés der Fußgängerzone auf die Palme zu bringen. In seinem Schlepptau: Ge-Li-Ka, das 'Rolls-Royce-Mädchen auf der Golfhaube'. Die hat mit allen was gehabt, die Pirrmayer schon die eigene Frau, die aus besseren Verhältnissen kam, nicht gönnten. Und die nun die Zähne fletschen angesichts der Tatsache, dass dieser Taugenichts sowohl finanziell [...] als auch sexuell wieder auf die Butterseite gefallen zu sein scheint.
    Doch Kaufmann, Bankdirektor, Lehrer und Archivar [...] verfügen natürlich über Möglichkeiten, dem Spuk ein Ende zu bereiten. Hat man erst einmal gemordet, um das Aufkommen von Gerüchten um jenen seltsamen Unfalltod der Cordula Pirrmayer zu verhindern, kommt es auf ein oder zwei Verbrechen mehr auch nicht an.
    Am Ende leben schließlich nur noch die Allereinfältigsten. Aber der Schein trügt. Denn in einem als komplett meschugge geltenden Stadtstreicher und der zu einer gefährlichen Schönheit heranwachsenden jüngeren Schwester eines der Mordopfers bleibt nicht nur die Erinnerung an das Geschehene wach, sondern auch Zorn und Rachegelüste, die auf ihre Stunde warten.
    Es fällt schwer, Arme Leute ein Etikett aufzudrücken. Rudolphs Roman ist weder richtig hard boiled noch veranstaltet er das gute alte Täterquiz im Landhausstil. Nein, hier ist ein Autor am Werk, der abgeklärt auf unsere Wirklichkeit blickt und weder mit Klischees liebäugelt, noch falsche Hoffnungen zu erwecken gedenkt. Deshalb kommt am Ende alles raus, aber nichts ändert sich. Der Sieg der Gerechtigkeit wird bloß in die Zukunft verschoben. Aber selbst wenn er eines Tages stattfinden sollte - auch da wird es sich gewiss um keine saubere Sache handeln."
    Dietmar Jacobsen auf www.text-und-web.de, Januar 2010

  • "'Irgendwann bekam ich die erste Faust ins Genick. Mein Kopf verschwand in Holsteins Schwitzkasten, eine Schuhspitze verfehlte meine Hoden knapp, eine weitere Faust meine Nase leider nicht. Was hatten sie geglaubt? Dass ich mich nicht wehren würde?'  Ich gestehe, ich habe dieses Buch nach dem ich den Klappentext gelesen hatte, mit spitzen Fingern aufgeschlagen. Aber dann hat mich Dieter Paul Rudolph doch in seinen Bann gezogen. Rudolph ist ein genauer Beobachter  und großartiger Erzähler mit skurrilen Einfällen. Für zart Besaitete schreibt der Literaturwissenschaftler aus Blieskastel allerdings nicht."
    Silvia Hudalla für www.sr-online.de, 10. Dezember 2009

  • "Ein Krimi jenseit aller Erwartungen, mit wechselnden Erzählperspektiven und überraschenden Schlüssen (ja: mehreren). Ein hochspannender neuer Autor"
    Georg Patzer in der Stuttgarter Zeitung, Rubrik "Mein Geheimtipp", 05. Dezember 2009
  • "[...] Drei Erzähler lässt Dieter Paul Rudolph antreten, und deren Tonlagen erinnern an die Figuren Arno Schmidts. Da ist die wache Verachtung für miefige Kleinbürgerlichkeit und die Starre des Ländlichen, die Bereitschaft, jeden sozialen Kontakt als Schachzug im Spiel um Rang und Vorteile zu interpretieren, die stete Erotisierung des eigentlich Lustfeindlichen. [...] Zwei Figuren und Romandrittel lang hält Rudolph den Provinzkrimi bravourös durch, dann schlägt er einen gewagten Haken. Mit dem dritten Erzähler strapaziert er vorsätzlich die Glaubwürdigkeit. Er will die Aufgeräumtheit eines normalen Krimiendes und die Fassbarkeit von Figuren und Verhältnissen sabotieren."
    Thomas Klingenmaier in der Stuttgarter Zeitung, 04. Dezember 2009
  • "[...] So viele Krimis, so viel Mist. Doch manchmal ist es anders. Dann springen einem die neuen Bücher von Haas, Dieter Paul Rudolph und Christine Lehmann entgegen, beglücken wie erwartet - und überraschen. Einige Fragen, Verhältnisse, Probleme sind nämlich in allen allen drei Romanen zentral, so unterschiedlich sie auch gedacht und geschrieben sind. Offenbar kommt man auf einem gewissen literarischen Niveau an bestimmten Themen nicht vorbei. [...] Dieter Paul Rudolph,geboren 1955, hat sich für Arme Leute [...] eine ungewöhnliche Erzählkonstruktion einfallen lassen. Hintereinander kommen drei Ich-Erzähler zu Wort: Klaus Pirrmayer, seine Geliebte Gelika und Edgar, den alle für debil halten. Die Krimikonvention, dass auch der Ich-Erzähler überlebt, falls sich nicht auf den letzten Seiten ein Epilog oder etwas Ähnliches findet, ist durchbrochen, als Gelika das Wort ergreift. Der Leser muss auch um sie Angst haben, weil sie wie Pirrmayer in dieser Konstruktion nicht gebraucht wird, um den Roman zu Ende zu bringen. Das steigert die Spannung und ermöglicht überraschende Wenden: Jeder Erzähler weiß mehr als sein/e Vorgänger. [...]"
    Michael Schweizer in Kommune - Politik, Ökonomie und Kultur, Dez./Jan. 2009/10
  • "Arme Leute ist vom Start weg fürchterlich (Halt! Weiterlesen! 'Fürchterlich' ist mehrdeutig.)  Auf den ersten Seiten wird eine drastische Ohrabschneidung inszeniert: furchterregend, wie man es von einem guten Krimi erwartet. [...] Der Ohrabschneider kehrt nach seiner Gefängnisstrafe in die Stadt zurück und die Ereignisse spulen sich ab. Einiges in der Vergangenheit der Leute in der kleinen Stadt ist erklärungsbedürftig. Der Roman gliedert sich in drei lange innere Monologe von drei verschiedenen Personen: Der Ohrabschneider. Das Flittchen. Der Idiot. Das ermöglicht überraschende Wendungen und bringt etwas Abwechslung in die oft schwer verständliche Sprache. [...] Die Gliederung in drei Monologe nutzt der Autor nicht nur für den Perspektivenwechsel sondern auch inhaltlich geschickt: Der Ohrabschneider führt in die Handlung ein und verwirrt. Das Flittchen lichtet den Nebel etwas und steigert das 'Was geschah?' Die letzten vierzig Seiten gehören dem Idioten. Er erweist sich als unzuverlässiger, weit ausbreitender Erzähler. Er hätte es auf vier Seiten sagen können. Ob man seinen Ausführungen trauen darf?
    Insgesamt gelingt aber die Zuspitzung der Handlung und Aufklärung der Verstrickungen der armen Kleinstadtleute. Der Verlagsinformation: 'Auch wenn am Ende die Ecken der Vergangenheit ausgeleuchtet sind: Es bleibt dunkel, drum herum' stimme ich zu."
    Herbert Huber auf www.lesekost.de, 13. November 2009
  • "Mordsidyll. In tiefster saarländischer Provinz lässt auf nachtschwarzer Landstraße eine Halbwüchsige ihr Leben. Der Unfallflüchtige hat alle Hände voll zu tun, unerkannt zu bleiben. Erfolgreich taucht er ab in den schnöden Alltag, ins Vergessen. Als der unberechenbare Klaus Pirrmayer, seines Zeichens fröhlicher Witwer, wie man munkelt, aus dem Knast kommt, eskaliert, was nur eskalieren kann…
    Klaus Pirrmayer ist ein Buch mit Sieben Siegeln. Vor drei Jahren schnitt er einem Galeristen in einer aufwendigen Inszenierung während einer Vernissage das Ohr ab und wurde dafür zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt. Es war nicht sein erster Versuch, das künstlerische Schaffen der Lokalgröße zu durchkreuzen. Zuvor überraschte er die Galeriebesucher anlässlich einer Ausstellungseröffnung schon einmal mit einer kleinen Explosion mittlerer Durchschlagskraft. Klaus Pirrmayer ist Ex-Polizist und lebt von dem Vermögen seiner ermordeten Frau. Das unter den missgünstigen Blicken der Nachbarschaft. Denn man traut Pirrmayer nicht über den Weg. Auch dass er mit dem Flittchen Gelika von neben an so schnell ‘warm wird’, trägt man ihm nach. Und dass er sich neben der Pflege des Grabes seiner Frau Cordula auch um das Grab der unglücklich verunfallten Leslie Hofer kümmert, ja, deren Schwester zu hofieren scheint, treibt das Misstrauen seiner Mitmenschen auf die Spitze. [...]"
    Barbara Keller auf www.berlinkriminell.de, 12. November 2009
  • "[...] Es geht um 'Arme Leute', und die Armut hängt nicht nur vom Kontostand ab. Schauplatz ist eine fiktive Kleinstadt, deren Idylle - klar! - trügt: Es gibt Hass, Tote, und ein Ohr wird abgeschnitten. Eine bis in Jugendtage zurückreichende Story, erzählt der Reihe nach, aber nicht chronologisch vom 'Ohrabschneider', seinem 'Flittchen' und dem 'Idioten'. Mimis seien gewarnt: 'Arme Leute' ist anspruchsvolle Lektüre - voller Stil, voller Witz und oft richtig schmutzig."
    Ulrich Kroegers Krimitipp, auch auf www.alligatorpapiere.de
  • "Dieter Paul Rudolph, Literaturwissenschaftler und Multimedia-Entwickler aus Blieskastel, zeigt die aus den Fugen geratene saarländische Kleinstadtidylle aus drei Perspektiven und spielt mit den klassischen Komponenten des Genres. 'Arme Leute' kommt ohne offiziellen Ermittler aus, einzig die Dorfbewohner bringen Licht ins Dunkle. Rudolph legt sein Augenmerk nicht auf die akribische Gestaltung eines möglichst spannenden Handlungsbogens, er konzentriert sich vielmehr auf die Schilderung des sozialen Milieus, dem der 'Armen Leute'."
    Saarbrücker Zeitung, 23.09.2009
  • Unser einer schafft es ja nur, seinen ramponierten Ohrensessel nach van Gogh zu nennen. Da ist Klaus Pirrmayer aus den „Armen Leuten“ schon ein anderes Kaliber. Er schneidet bei einer Vernissage dem Maler Clemens Baden-Vukovics mit einem qualitativ hochwertigen Küchenmesser (japanisches Markenfabrikat) gleich das ganze Ohr ab. Zuerst glauben die Besucher, es sei Happening, Protest gegen den Kulturbetrieb oder was auch immer, dann aber viel Geschrei, als tatsächlich Blut fliesst wie nur Blut fliessen kann. Drei Jahre Knast zahlte Pirrmayer für des Künstlers Ohr. Danach kehrt er in seine Heimat zurück. Sein Sitzen im Eiscafé, sein Schlendern in der Fussgängerzone, sein ganzes Dasein soll andere ständig an eine Vergangenheit erinnern, die rätselhaft und dunkel über der Kleinstadt liegt. Ein junges Mädchen wurde überfahren, und der Täter floh unerkannt. Pirrmayers Frau, die gut situierte Cordula, wurde in ihrem eignen Haus ermordet. Cordula ist die Achse zwischen den Schichten. Nach unten: Pirrmayers Vater war Bauarbeiter, er selbst kämpfte sich zur Realschule und zum Polizeibeamten hoch; roch aber nach dem Squash-Spiel für die Elite etwas allzu streng. Und oben ist Cordula gut dabei: in einer Weinstube trifft sich sie sich regelmässig mit den Honoratioren des Kaffs. [...] Wortfetzen der Traditionspflege springen rüber zu Edgar. Der sitzt am Katzentisch, kriegt ab und zu einen Tafelwein aus verschiedenen Ländern der EU spendiert und geifert sein „Heil-Hitler“ vor sich hin. Edgar ist sozusagen Elite-Idiot, Diplom-Depp, sein Dümmerstellen als er ist hat er gut trainiert. Er verblüfft mit der Erkenntnis, daß früher der Tod wenigstens einen Gran Gerechtigkeit in sich barg. Der raffte die Bälger der Gräfin genau so dahin wie die Kinder der Leibeigenen. Heute böten Medizintechnik und Gesundheitsreform differenzierte Lösungen. [...] Aus der trübsinnigen Erkenntnis, dass wir uns in einem fein abgestuften Kastensysten bewegen ohne Ausgang wie ein Hamster im Laufrad, befreit uns Gelika. [...] Der Speichel trieft aus dem Mundwinkel und Edgar, der Schreckensmann mit Schreibhemmung, der Anton Reiser ohne Gönner, sieht Kathrin Hofer, Schwester der überfahrenen Leslie, trotzig und selbstbewusst durch die Stadt gehen, als könnten sich hinter ihrer Stirn die Mörder erahnen lassen. Dieter Paul Rudolph entzieht sich charmant und ruppig dem Genre. Der Krimi ist Folie für eine mumifizierte Ständegesellschaft. Die inneren Monologe der Hauptpersonen beschreiben sie exakt und aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Die Mimi, die gerne Krimis liest und vielleicht erwartet, dass wo Krimi drauf steht, nette Linksliberale Katzen streicheln, dürfte enttäuscht sein.
    Stefan Gleser, Saarländische Online-Zeitung,
    www.s-o-z.de, 24.09.2009