Marcus Imbsweiler - Verwandte auf dem Mars

Marcus Imbsweiler
Verwandte auf dem Mars. Eine Familie in Geschichten.

Erzählungen

Es ist ein Kreuz mit den lieben Verwandten, vor allem wenn sie sich aus lauter Querköpfen und Sonderlingen zusammensetzen wie jene Sippschaft aus dem Nordhessischen, die Marcus Imbsweiler in „Verwandte auf dem Mars“ porträtiert. Großonkel und Großtante zum Beispiel geht man lieber aus dem Weg. Der eine ist ein Langweiler, der auf sein in beamteter Beschaulichkeit verbrachtes Leben so stolz ist, dass er allen davon erzählen möchte. Warum nicht gleich eine Autobiographie verfassen („In Zügen“)? Die Großtante denkt da praktischer; sie zieht sich ans Meer zurück, bevor die Verwandtschaft über ihr sauer Erspartes herfällt. Leider reicht es nicht zum erträumten Altersruhesitz in der Sonne, sondern nur zur Untermiete an der Ostsee („Sansibar“).
Ein anderer Verwandter, das schrullige Onkelchen, hat wenigstens den Charme des ewigen Verlierers vorzuweisen, für seine speleologischen Abenteuer aber kann er niemanden begeistern. Und so erfährt kein Mensch von seiner spektakulärsten Höhlenentdeckung („Die Höhle“). Ebenso wird über das Geheimnis des knorrigen Urgroßvaters zu dessen Lebzeiten der Mantel des Schweigens gelegt. Wie soll man auch begreifen, dass sich da einer aus der eigenen Familie persönlich am Rassenwahn beteiligt hat – ohne je dafür zur Rechenschaft gezogen worden zu sein („Gezeichnetes Leben“)?
Dagegen ist die liebe Tante ein harmloser Fall. Mit ihren überzogenen Erwartungen, ihrem hemmungslosen Ehrgeiz und dem Zwang zum gesellschaftlichen Aufstieg steht sie nur sich selbst im Weg. Am Ende leistet ihr nicht einmal ihre Tochter Folge („Abschied und Willkommen“). Abnabelung ist auch das Motto des älteren Bruders, den es aus dem Kaufunger Wald fortzieht, der alles Provinzielle hinter sich lassen will. Dass dieser Versuch womöglich zum Scheitern verurteilt ist, geht ihm während einer drastischen Fressorgie in der Heimat auf („Indirekte Rede“). Entspannter sieht der Patenonkel dieses Verhältnis; er ist mit Leib und Seele Provinzler, und dass sein kurzer Ausflug in die Welt der „hohen“ Kunst grandios schief geht, wird ihm nicht bewusst. Kein Wunder, lernt er dabei doch seine spätere Frau kennen („Hermann der Cherusker“).
Aber der Patenonkel ist ja auch kein direkter Verwandter, ebenso wenig wie die zur Ersatzoma erklärte Nachbarin. Ihr Schicksal ist der Zweite Weltkrieg gewesen, und je älter sie wird, desto stärker bedrängen sie ihre Erinnerungen an den in Stalingrad vermissten Gatten – bis er ihr eines Nachts leibhaftig erscheint („Oma Sumse“). Dass ein Cousin zweiten Grades auch zur Familie gehört, möchte man angesichts des Jungen, der im Feinkostladen seines Vaters arbeitet, am liebsten vergessen. Dabei hätte es eines sozialen Frühwarnsystems bedurft, um die sich anbahnende Katastrophe zu verhindern („Falsche Früchte“).
Mit dem Großvater hingegen vollzieht sich eine Veränderung zum Positiven, die auf seiner Erfahrung, dem Tod im letzten Moment von der Schippe gesprungen zu sein, beruhen mag („In der Tür geirrt“). Ganz ähnlich die Großmutter: Das entscheidende Ereignis für sie ist das Wiedersehen mit ihrer Kusine, der sie ein Leben lang in herzlicher Abneigung zugetan war („Zonengrenze“). Fehlen noch die nächsten Verwandten: die Eltern. Dass der Vater in all seiner schweigsamen Sturheit ausgerechnet der Begegnung mit einem toten Vogel eine nachhaltige Erschütterung verdankt, war nicht vorhersehbar („Die Kaufunger Sintflut“). Und seine Frau könnte als Idealbild von Mutter durchgehen, hätte sie nicht einmal einen Anflug von Schwäche gezeigt („Die Besuche des Vertreters“).
Sie alle, so erfolglos sie sich auch am Dasein abarbeiten mögen, genießen das Privileg, alt zu werden; nur die Schwester des Erzählers bildet eine Ausnahme. Dabei ist sie die Einzige, die etwas Verheißungsvolles an sich hatte, ein Versprechen in sich trug, das sie aufgrund ihres frühen Todes nicht einlösen konnte („Letzter Ausritt“).

Marcus Imbsweiler, Autor der Politsatire "König von Wolckenstein" und des Krimis "Bergfriedhof", zeichnet die "Verwandten auf dem Mars" mit leichter Ironie und feinem Humor. Aber auch nachdenkliche und tragische Töne klingen innerhalb dieses familiären Geflechts an. Wie in einem Roman setzen sich die 14 Portraits von Eltern und Geschwistern, Omas und Onkeln zu dem Panorama einer ganzen Familie zusammen.

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