Heiko Breit
Gerechtigkeit und Natur
Die Reichweite der formalen und universalisierbaren praktischen Vernunft
Was hat Gerechtigkeit mit Natur zu tun? Heute stehen sie für den Gegensatz von normativem und deskriptem Wissen, obwohl sie ursprünglich gar nicht so klar voneinander getrennt waren. Wegen der in der "Risikogesell-schaft" diskutierten Frage eines "vernünftigen" Umgangs mit äußerer Natur (Wirtschaft und Ökologie), zweiter Natur (Kultur) und innerer Natur (Psyche) benötigen die Pole jedoch eine Überbrückung, auch wenn sie analytisch Gegensätze bleiben. Die in philosophischen, sozialwissenschaftlichen und lebensweltlichen Diskursen implizit immer vorgenommene Verbindung von Gerechtigkeit und Natur, wie sie sich vor allem in Fragen nach dem Guten Leben zeigt, ist Gegenstand des Buches.
Im ersten Teil wird nachgezeichnet wie die Kritik der von Kant formulierten formalen und universalisierbaren praktischen Vernunft zur Idee einer kommunikativen Rationalität (Habermas) führt. Anschaulich gemacht wird dies sowohl an aktuellen Debatten zur Ökoethik, Postmoderne, Risiko- und Zivilgesellschaft sowie an der historischen philosophischen Diskussion von Kant über Hegel, Schopenhauer, Marx, kritischer Theorie bis zu Jonas und Habermas.
Im zweiten Teil der Arbeit werden die bisherigen Überlegungen mit Arbeiten von Piaget und Kohlberg zur Theorie des moralischen Urteils in Beziehung gesetzt. Diese Theorien bilden einen Paradefall einer fruchtbaren Arbeitsteilung von Philosophie und Sozialwissenschaft und dienen der geforderten Überbrückung von normativen und deskriptiven Fragestellungen am Beispiel aktueller gesellschaftspolitischer Problemlagen. Allerdings ist der Ansatz in seiner Gültigkeit und seiner Reichweite umstritten. Aktuelle Kritiken an Kohlberg, die vor allem die philosophischen Grundlagen seiner Theorie berühren, werden deshalb aus einer gesellschaftstheoretischen Perspektive auf ihren Gehalt überprüft. Hierbei spielt die angemessene Rekonstruktion des Verständnisses von Kategorien wie Gerechtigkeit und Autonomie eine zentrale Rolle. Sie sind nicht allein für die Ontogenese wichtig, sondern konstituieren auch die Pfeiler einer räsonierenden Öffentlichkeit, das Herz der Zivilgesellschaft.
Welche Rolle empirisch moralische Urteile bei der Argumentation über Ökologie-Ökonomie Konflikte in der zivilgesellschaftlichen Öffentlichkeit einnehmen, wird im dritten Teil der Arbeit anhand empirischer Forschungsergebnisse demonstriert. Es zeigt sich, wie Gerechtigkeitsargumente unterschiedlich komplexe Aussagen über Risiken, Verantwortung und Solidarität in aktuellen ökologischen Debatten strukturieren. Dabei bilden Faktenwissen, Emotionalität, Intersubjektivität sowie informale und formale Institutionen einen unabtrennbaren Teil des Gerechtigkeitsdiskurses. Auf Intersubjektivität beruhende Gerechtigkeitsurteile sind mit Vorstellungen über das Gute Leben verzahnt und werden auch auf den Umgang mit der äußeren Natur übertragen. Die Beziehung des Menschen zur äußeren zweiten und inneren Natur ist daher sowohl immanenter Teil von Gerechkeitsurteilen als auch Grundlage ihrer Veränderung.